Ein Kind, das lacht

Wie früher gibt es immer ein Kind, das weint, ein Kind, das lacht – und eines, das davonläuft, und die Eltern laufen hinterher. An der Alten Donau.

Endlose Sommer habe ich hier verbracht. Warme, helle, endlose Sommer.
Endlose Sommer habe ich hier verbracht. Warme, helle, endlose Sommer.
Endlose Sommer habe ich hier verbracht. Warme, helle, endlose Sommer. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Endlose Sommer habe ich hier verbracht. Warme, helle, endlose Sommer. Hier lagerten wir unter den alten Bäumen, deren Schatten am späten Nachmittag bis zum Ufer wanderten. Hier saß ich nervös am Kieselstrand, als Marlene zum ersten Mal alleine ins Wasser durfte. Blies ich Schwimmflügerln auf, cremte kleine Schultern ein, verteilte Reiswaffeln – und vor Badeschluss tranken meine Freundin und ich noch einen Gespritzten, während wir unseren Blick übers Schilf schweifen ließen, hin zu den kleinen Segelbooten.

Manchmal hat uns ein Gewitter überrascht, dann flüchteten wir ins Buffet, Hannah tanzte im Regen, und nach zwanzig Minuten war die Sonne wieder da und alles glänzte.

Einmal ist meine Freundin von einer Wespe gestochen worden und erlitt einen Schock. Und dabei war immer ich es, die sich gefürchtet hat – und sie hat für mich die Wespen verscheucht!

Jahre sind vergangen. Das Kassahäuschen hat ein futuristisch anmutendes Dach bekommen. Die Eintrittskarten muss man nun einscannen. Statt dem bunten Piratenschiff steht jetzt eine Arche Noah mit einem hölzernen Affen und einem Papagei auf der Wiese. Das Schilf links vom Buffet wurde gestutzt, was schade ist, das Eck dort schien immer so verwunschen, ein Versteck für Wasservögel, die man schnattern hörte.

Wasserrutsche. Sonst ist alles gleich geblieben. Die alten Bäume mit ihren dichten, breiten Kronen. Der Kieselstrand. Das grünliche Wasser, in dem sich zuweilen Fischlein tummeln. Schau, sage ich zu Hannah: Von dieser Wasserrutsche habe ich dich kaum wieder runtergekriegt, dabei waren deine Lippen schon ganz blau. Und dort am Hang war unser Platz. Meistens sind Melanie und Mathilda mitgekommen. Oft auch Elisabeth und ihr Alexander. Erinnerst du dich noch an den Alexander?

So wie früher gibt es immer ein Kind, das lacht, eines, das weint – und eines, das davonläuft, und die Eltern laufen hinterher. Das Weinen kommt diesmal von einem kleinen Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, mit Zöpfen und einer blauen Badehose. Es hat ein Twinni bekommen, aber das ist entzwei gebrochen. Und nicht in der Mitte durch, sondern schief! Das Mädchen weint und weint, und wie es weint, tropft das Twinni vor sich hin, orange und grün. „Hör auf zu weinen. Das Eis schmilzt!“, sagen die Eltern.

Doch das nützt nichts, denn der Kummer kennt keine Vernunft. Und auch kein richtig oder falsch. Er ist da und er geht vorbei. Und irgendwann wird das Mädchen lernen, dass manches kaputt ist und trotzdem schön und dass das Leben nicht perfekt sein muss.

Und auch nicht ein Twinni.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2019)

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