Von Wölfen, Schießwütigen und angewandtem Naturschutz

Neue Studien zeigen, dass Wölfe viel besser als menschliche Jäger geeignet sind, Wildbestände gesund zu erhalten.

Die großen Beutegreifer spielen einerseits entscheidende Rollen in der Erhaltung ihrer Ökosysteme, andererseits dünnen ihre Bestände weltweit immer mehr aus: auskonkurrenziert oder schlicht vernichtet von uns Menschen. Dies zeigt eine neue Studie eines Expertenkonsortiums um William Ripple von der Universität Oregon, eben publiziert im Wissenschaftsjournal „Science“.

Die 31 größten Fleischfresser der Welt (über 15 Kilogramm Körpergewicht) spielen ganz wichtige Rollen in den Nahrungsnetzen. Sie beeinflussen die großen Pflanzenfresser und sorgen so für eine Fülle von ökologischen Nischen, die von einer Vielfalt an Tieren und Pflanzen besiedelt werden können. Jagd ist also tatsächlich „angewandter Naturschutz“ – würde sie etwa hierzulande vor allem von Wölfen ausgeübt.

Wie neuere Studien (u.a. aus dem Yellowstone und der deutschen Lausitz) belegen, sind Wölfe viel besser als menschliche Jäger geeignet, Wildbestände gesund zu erhalten und für Artenvielfalt in ihrem Lebensraum zu sorgen. Der Schutz des Wolfes ist daher Naturschutzpflicht, nicht nur ethisches Gebot. Eine Schande eigentlich, wenn wir von den Afrikanern verlangen, unter Opfern für uns die Elefanten und Löwen zu schützen, wir aber bei all unserem Reichtum nicht in der Lage sind, mit Wölfen und Bären zu leben.

Eigenartig: Seit Jahren wandern ständig Wölfe nach Österreich ein, bilden aber im Gegensatz zu all unseren Nachbarländern keine Rudel. Kaum sind sie da – schon sind sie wieder weg. Ähnlich wie 2013 etwa 30 Braunbären. Verdunstet? Weggebeamt? Selbstmord aus Verzweiflung über die hiesigen Verhältnisse? Wohl kaum. Eher schon getötet von finsteren Schießwütigen, die sich keinen Deut darum kümmern, dass sie damit außerhalb jedes Rechts stehen. Denn Wölfe sind mehrfach durch europäische Konventionen und durch die österreichischen Gesetze geschützt. Diese Schießwütigen stellen sich damit außerhalb von Gesetz und Demokratie, zumal eine deutliche Mehrheit der Österreicher pro Wolf ist.

Es ist eine Schande! Wir brauchen sie nicht, diese „Schießer“, die uns tagtäglich vor Augen führen, dass sie Recht und Bürgergesellschaft verachten. Wir brauchen auch keine Politiker, denen es offenbar egal ist, von diesen Schießwütigen auch international vorgeführt zu werden, und die uns durch ihr augenzwinkerndes Dulden der dunklen Waffenträger am Rechtsstaat zweifeln lassen. Wir alle, auch die rechtschaffenen Jäger, die dadurch in den Schmutz gezogen werden, brauchen diesen ganzen feudalen Filz nicht, der uns täglich bewusst macht, dass die Verfassung nicht für alle gilt und dass sie offenbar noch immer nicht in den Hirnen und Herzen von so manchen Mächtigen angekommen ist. Wie gerade das Beispiel Wolf drastisch zeigt.

Was wir aber brauchen, sind Wölfe. Denn sie sind die eigentlichen Naturschutz- und Ökologiemanager. Es stünde uns gut an, uns von ihnen helfen zu lassen, auch bei einer weiteren Demokratisierung und Verrechtsstaatlichung, bei der so dringend nötigen Emanzipation von Metternich'schen Usancen und kakanischen Traditionen. Solange sich eine Minderheit von Schießwütigen von einer breiten Mehrheit toleriert fühlt, sich zynisch-höhnisch außerhalb von Recht und Demokratie stellt, solange werden sowohl nachhaltiger Naturschutz als auch verlässliche Rechtsstaatlichkeit hierzulande Wunschtraum bleiben müssen.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

Emails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2014)

Kommentar zu Artikel:

Von Wölfen, Schießwütigen und angewandtem Naturschutz

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen