Mit Federn, Haut und Haar: Homosexuelle Graugänse

Bei Weibchenmangel akzeptieren Männchen einander, denn Alleinstehende sind die Underdogs.

Im netten Alpenstaat scheint die Loden-Lobby die Schwulen allemal für noch gemeingefährdender zu halten als Osama. Homos sind bekanntlich abscheulich, weil sie es justament außerhalb jener Ehe treiben, die einzugehen man ihnen standhaft verweigert. Gleichgeschlechtliche Partnerschaft (ja, ja, auch Sex, aber den überschätzen bekanntlich gerade die, die gerne mehr davon hätten) wäre eine Sünde wider die Natur, reden uns jene seit Jahrhunderten ein, die sie am häufigsten praktizieren.

Wider die Natur? Nicht doch! Wie selbst der biologisch kaum beleckte Hans Rauscher vom „Standard“ zu bemerken geruhte, ist Homosexualität im Tierreich weit verbreitet. Freilich, die direkte Relevanz dieser Erkenntnis für Menschen ist gering, denn schließlich liegt uns der „biologistische Fehlschluss“ fern. Aber interessant ist die Sache allemal. Denn Homo-Partnerschaften und Homo-Sex mögen bei verschiedenen Tierarten unterschiedlich verursacht sein.

Bei den Graugänsen etwa verpaaren sich nur Männchen gleichgeschlechtlich. Je öfter ein Ganter im Leben seine Partnerin verlor (an den bösen Fuchs), umso wahrscheinlicher tut er sich mit einem anderen Ganter zusammen (40 Prozent bei der zweiten Verpaarung, 80% beim sechsten Mal) und bleibt mit ihm Monate oder sogar Jahre zusammen. Die beiden aber benehmen sich fortan gar nicht wie gesetzte ältere Herren. Gemeinsam rühren sie um in der Gänseschar. Wenn dies einem Weibchen gefällt, ist das oft das Ende der Männerfreundschaft, Prügelei folgt.

All das wissen wir, weil wir im Zuge eines Buchprojekts zur Homosexualität bei Tieren (s.u.) eingeladen wurden, die Langzeitdaten unserer Grünauer Gänseschar auszuwerten. Über 30 Jahre erhobene Lebensgeschichten von 352 Männchen zeigen uns, dass es sich bei deren Homo„sexualität“ eher um „homosoziales“ Verhalten handelt, denn nur verpaart bleibt man (als Ganter) ranghoch und damit attraktiv für Weibchen. Partnerverlust führt zum Absturz in der Hierarchie. Alleinstehende sind die underdogs – pardon: undergeese der Gänseschar. So akzeptieren bei Weibchenmangel eben Männchen einander.


Weibchen stehen unter geringerem Druck, sie leben – verpaart oder nicht – in Schwesternclans. Ihre (weiblichen) Verbündeten sind daher immer in der Nähe. Die heterosexuell verpaarten Männchen schließen sich wohl oder übel dem Clan der Partnerin an. Auch kopuliert wird im Männerbund, selten und nicht immer harmonisch. Gelegentlich bleiben Brüder lebenslang zusammen, kopulieren aber gnädig mit Weibchen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Nur ein geringer Prozentsatz von Männchen bindet sich nie an Weibchen, wird nie bei heterosexueller Kopulation beobachtet. Es gibt tatsächlich auch sexuell schwul orientierte Ganter. Homo-Paarungen sind also auch bei Gänsen eine komplexe Sache.

Homosexualität im Tierreich ist die Regel, sie ist ein „natürliches“ Phänomen. Die „Natur“ darf nicht als Rechtfertigung für gesellschaftliche Verklemmungen missbraucht werden, auch wenn das Stimmen aus dem Lager der Loden-Lobby kosten könnte (Details: V. Sommer & P. Vasey: Homosexual behaviour in animals. Cambridge University Press 2006).

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


kultur@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2008)

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