Mit Federn, Haut und Haar: Die Kulturen der Wölfe

Traditionen beeinflussen die biologische Evolution nicht nur der Menschen.

Menschen vermehren sich gerne innerhalb ihrer Kulturen. Selbst geringe sozioökonomische Barrieren erweisen sich als relativ gendicht. Kultur beeinflusst daher die biologische Evolution des Menschen. Dies trifft auch auf gar nicht so wenigen Tierarten zu, die unterschiedliche Traditionen ausbilden. Dies kann zur reproduktiven Isolation, letztlich zur Aufspaltung von Arten führen, selbst bei überlappenden Lebensräumen. Ob man solche über Lernen weitergegebenen Unterschiede „Kulturen“ nennen will, wie dies manche Affenforscher medienwirksam tun, oder ob man beim Begriff „Traditionen“ bleibt, ist zweitrangig.

Ein spektakuläres Beispiel verschiedener Lebensstile bieten Schwertwale, deren ortsfeste, küstennahe Gruppen von Fischen leben, während die küstenfernen Nomaden Meeressäuger bis zur Größe von Pottwalen jagen. Diese Differenzierung der Lebensstile wurde durch eine Kombination modernster genetischer, statistischer und telemetrischer Methoden nun auch an Timberwölfen nachgewiesen (Musiani et al., Mol. Ecol. 2007): Die dunklen Wölfe im kanadischen Taigawald jagen Hirsche und Elche und verteidigen Territorien. Anders nomadische Wölfe mit heller Fellfarbe: Sie begleiten riesige Karibuherden. Deren Wintereinstand liegt im Taigawald, im Sommer kalben sie 2000 Kilometer nördlich in der offenen Tundra. Die nomadischen Wölfe ziehen mit ihnen und nehmen schwache Tiere aus der Herde. Sie tun das immerhin 10.000 Jahre lang, seit der letzten Eiszeit. Die Nomaden unterscheiden sich genetisch von den Sesshaften. Man mag einander nicht und vermischt sich nur höchst selten. Wenn, dann decken die jungen Nomadenmännchen die sesshaften Weibchen. Wölfinnen kommen im Spätwinter in Hitze, wenn die Nomadenwölfe in oder zwischen den Territorien der Standwölfe im Taigawald leben (und von den Ortsfesten aggressiv bekämpft werden).


Aus komplexen sozialen Gründen haben nur die sesshaften Weibchen, nicht aber die Nomadinnen eine Chance, die Welpen eines Rüden aus dem je anderen Kulturkreis aufzuziehen. Die Nomadenrudel mit den trächtigen Weibchen ziehen im Frühjahr gen Norden, ihre Wurfbaue liegen etwa 1000 Kilometer nördlicher als jene der Sesshaften, während die Karibus nochmals 1000 Kilometer weiter nördlich in der Tundra kalben. Wenn die Nomadenwölfchen im vierten bis fünften Lebensmonat die Nähe ihres Baues verlassen können, ziehen gerade die Karibus mit ihren Kälbern durch. Dies erlaubt es diesen noch sehr jungen Wölfen, mit den Karibus wieder in den Wintereinstand im Süden zu wandern.

Trotz artspezifischen Sozialverhaltens und Rudelorganisation ist es Wölfen möglich, erstaunlich unterschiedliche Kulturtraditionen auszubilden. Das erinnert stark an den Menschen. Wölfe wie ursprüngliche Menschen leben sesshaft oder nomadisch, abhängig von ihren Nahrungsquellen. Dies ist sicherlich einer der Gründe, dass Wölfe und steinzeitliche Menschen einander näherkamen, sodass wir heute mit Hunden leben. Wie das geschehen konnte, ist auch ein wissenschaftlicher Fokus für das neu gegründete Wolfsforschungszentrum in Grünau (www.wolfscience.at).

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


kultur@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)

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