Mit Federn, Haut und Haar

Würde Bruno Kreisky heute die Unis derart verkommen lassen?

Offener Brief an Kanzler und Regierung, die prekäre Lage der Unis endlich zu lösen. Bitte stehen Sie zu Ihrem Wort. Jetzt.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Universitäten und Wissenschaft benötigen dringend Ihre Aufmerksamkeit. Seit Jahren dümpeln unsere Unis in sämtlichen Rankings im internationalen Mittelfeld. Nicht, weil schlecht gearbeitet wird, sondern weil sie die Politik seit Langem unverantwortlich im Regen stehen lässt. Eigentlich müssten die heimischen Unis großartig dastehen. Die Wachstumsraten ihrer Budgets lagen langzeitlich mit zehn bis 20 Prozent wesentlich über der Inflationsrate. Die Zahl der Studierenden stieg aber noch wesentlich stärker, und eine Serie von an sich positiven Reformgesetzen seit 1975 zwang die Unis zum Aufbau kostenintensiver Verwaltungsstrukturen. Heute gibt man in der Schweiz mehr als dreimal so viel wie in Österreich pro Studierenden aus, in Deutschland etwa doppelt so viel. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.

Noch nie gab es einen derart breiten nationalen Konsens, dass die Unis als geistige Kaderschmieden Österreichs mehr Geld, eine Studienplatzfinanzierung und vernünftige Zugangsbeschränkungen brauchen. Stellvertretend für sehr viele Stellungnahmen der letzten Zeit sei der offene Brief der Allianz österreichischer Wissenschaftsorganisationen vom 29. Mai und der datenreiche Kommentar von Heinz Engl, Rektor der Uni Wien vom 7. 6. in der Presse genannt. Selbst Bundespräsident Alexander Van der Bellen mahnte die Verantwortung der Regierung bezüglich Unis und Finanzierung des FWF unlängst öffentlich ein.


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, mit Ihrem Plan A, haben Sie überzeugend dargelegt, dass Sie wissen, was zu tun ist. Auf S. 78 schreiben Sie zu den Unis: „Es muss eine klare Steigerung der budgetären Mittel in Richtung 2 Prozent des BIPs geben. Das geht Hand in Hand mit einer generellen Strukturreform an den Unis und insbesondere mit der Einführung eines Systems zur Studienplatzfinanzierung.“ Zudem betonen Sie die Notwendigkeit einer „. . . stärkeren Steuerung der Studierendenflüsse seitens der öffentlichen Hand“. Wie verträgt sich das mit dem neuen Kriterienkatalog der SPÖ, in dem die heilige Kuh des „freien Uni-Zugangs“ weiter hochgehalten wird? Dort wörtlich: „Die SPÖ bekennt sich zum freien Hochschulzugang und erwartet sich dieses Grundsatzbekenntnis auch von KoalitionspartnerInnen.“

Zur Erläuterung: Der lebenszeitvernichtende Zynismus des „freien Uni-Zugangs“ besteht darin, dass man zwar alle an die Unis lässt, sie dort aber durch den Mangel in den überlaufenen Fächern in überlange Studiendauer und in den Abbruch treibt.

Was hätte wohl der große SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky im Moment getan? Ihm und Herta Firnberg gelang mit dem Uni-Organisationsgesetz (UOG) 1975 die weitreichendste Reform der zweiten Republik. Kreisky stand übrigens im ständigen Dialog mit Wissenschaftlern und Künstlern. So nahm man einander „ein Stück des Weges“ mit. Heute überwiegt der Eindruck einer ignoranten Politik, welche die einhellige Meinung der geistigen Eliten, nahezu aller Wissenschaftler des Landes und ihrer Institutionen schlicht ignoriert. Das, Herr Bundeskanzler, will ich aber angesichts Ihrer Hoffnung gebenden Performance im vergangenen Jahr nicht glauben. Um geistigen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Schaden abzuwenden, brauchen wir konkrete Beschlüsse. Sehr geehrter Christian Kern, bitte stehen Sie zu Ihrem Wort. Jetzt.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

Emails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2017)

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