Mit Federn, Haut und Haar

Bestie Wolf? Zur Ausschlachtung eines tragischen Todesfalls

Wölfe sind weder reißende Bestien noch Kuscheltiere. Sie verdienen unseren Respekt, wie andere Mitgeschöpfe auch.

Von Wölfen zerrissen zu werden ist die Mutter aller Urängste. Eine irreale Angst, wie Deutschland zeigt: Dort leben heute mehrere Hundert Wölfe, passiert ist bisher nichts. Langweilig eigentlich, denn Menschen fürchten sich schrecklich gern. Und nichts ist für manche Medien und Politiker profitabler als das Bedienen von Ängsten. So wurde im September europaweit berichtet, dass eine britische Touristin in Griechenland getötet worden sei. Trotz fehlender Fakten lastete besonders der Boulevard die Tat reißerisch den Wölfen an. Daher wurde von der griechischen NGO Kallisto (Teil der Large Carnivore Initiative for Europe LCIE) und den WWFs Deutschland und Griechenland vor Ort recherchiert.

Die Fakten dazu: Am 21. 9. 2017 wurde die 62-jährige Britin Celia Hollingworth beim Wandern bei Maroneia in Nordgriechenland von Hunden oder Wölfen getötet. Nach britischen Medienberichten hatte sie noch per Handy Verwandte in Großbritannien alarmiert, dass sie gerade von Hunden angegriffen würde. Reste ihres Körpers wurden am 23. 9. gefunden. Immer noch gibt es keinen abschließenden forensischen Bericht. Zudem fehlen genetische Analysen, die klären könnten, ob Wölfe oder Hunde die Täter waren.

Der zuständige Gerichtsmediziner, Nikolaos Kifnidis, tippte zuerst auf Wölfe, da unter anderem große Knochen durchgebissen worden seien. Später bestätigte er allerdings, dass die wenigenÜberreste keine Schlüsse in Richtung Verursacher erlauben würden. Bei der pathologischen Untersuchung war zudem niemand mit Erfahrung zu Wildtierangriffen anwesend. Und es ist nicht erkennbar, wann welche Tiere am Leichnam im Verlauf der zwei Tage bis zum Auffinden gefressen haben.

In den letzten Jahren gab es aus diesem Gebiet nur wenige Meldungen über möglicherweise von Wölfen gerissene Schafe und Ziegen. Daher wurde ein Monitoring begonnen, um herauszufinden, ob es dort im Moment überhaupt Wölfe gibt. Die Überreste des unglücklichen Opfers wurden an einer Schotterpiste gefunden, wo von der NGO Kallisto nebst einer Ziegenherde mehrmals ein sieben- bis achtköpfiges streunendes Rudel von zum Teil großen Hunden angetroffen wurde. Eine lokale Zeitung berichtete am 19. 10. von zahlreichen Beschwerden über streunende Hunde. Tatsächlich wurden im örtlichen Xanthi-Krankenhaus seit 2014 insgesamt 856 (!) Bisse durch streunende Hunde registriert.

Der Tod der Touristin bleibt ungeklärt. Nach derzeitigem Stand fehlen aber starke Indizien für eine Beteiligung von Wölfen. Ganz ausschließen kann man Wölfe auch nicht. Aus den vergangenen 70 Jahren liegen aus Europa vier Berichte vor, dass Menschen von nicht tollwütigen Wölfen getötet wurden, vier weitere wurden aus Russland gemeldet. Zum Vergleich: In Deutschland werden jährlich (!) 24.000 bis 32.000 Bissverletzungen und im Schnitt 3,6 Todesfälle durch Hunde verursacht („Deutsches Ärzteblatt“, Juni 2015). In Österreich sind es etwa zehn Prozent.

Das bedeutet nicht, dass Hunde viel gefährlicher als Wölfe wären. Denn schließlich begegnen wir Hunden täglich, Wölfen dagegen so gut wie nie. Es gilt jedenfalls die Unschuldsvermutung. Wölfe sind weder reißende Bestien noch Kuscheltiere; sie verdienen unseren Respekt, wie alle anderen Mitgeschöpfe auch. Dazu gehört auch, sie nicht ständig zu Sündenböcken zu machen – auch nicht für die Probleme der Landwirtschaft.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2018)

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