Mit Federn, Haut und Haar

Wolf oder Schaf? Beides ist möglich, wenn man nur will!

Die Bürger wollen die großen Beutegreifer, die Ökologie braucht sie. Ein Leben mit Wolf & Co. muss möglich sein.

Die von den Weidetierhaltern geschürte Diskussion um den Wolf nimmt an Schärfe zu. Man will den Alpenraum „wolfsfrei“ halten, was aber nicht funktionieren kann. Klar, dass Schafhalter über die Ankunft des Wolfes nicht erfreut sind, man wird von Schafen ja auch ohne Wolf nicht reich. Zudem sind getötete Schafe nicht nur ein finanzieller Verlust, sie werden vielmehr als persönlicher Übergriff empfunden. Weil sie Flächen offen hält und so die Biodiversität fördert, ist die Weidetierhaltung ökologisch wichtig und zudem tierschutzgerecht. Das alles soll nun wegen des Wolfs auf dem Spiel stehen? Na ja, im Grunde spielt der Wolf auch hier den Sündenbock für eine schon lange verfehlte Landwirtschaftspolitik. Alpenlamm in Konkurrenz mit Neuseeland kann nicht funktionieren – mit oder ohne Wolf.

Gebiete wolfsfrei zu halten ist aufgrund von Schutzbestimmungen und aus praktischen Gründen kaum möglich, auch wenn uns das manche Politiker und ihre Wildbiologen einreden wollen. Man muss die christlichen Schafhalter vielmehr bitten, darüber nachzudenken, woher wir als Menschen eigentlich das Recht nehmen, als Einzige die Landschaft zu bewirtschaften und Mitgeschöpfe, die stören, auszuschließen. Sind wir nicht vielmehr Teil der Natur? Schädigen wir nicht schon lange mit dem fast exklusiven Fokus auf menschliche Interessen Natur und Welt in einem Ausmaß, das langsam auch unsere eigene Existenz bedroht?

Schöpfung ernst nehmen bedeutet im Fall des Wolfs, dass man nicht weitermachen kann wie bisher, sondern auf Herdenschutz umstellen muss. Das funktioniert – richtig gemacht – auch anderswo. Mecklenburg-Vorpommern verdoppelte eben die Fördermittel für Herdenschutz, weil sie immer stärker abgeholt werden.

Zwei repräsentative Umfragen vom Herbst 2017 zeigen, dass 70 Prozent der Österreicher pro Wolf sind. Inakzeptabel daher, dass die aus Steuergeld subventionierten Schafhalter das Problem offenbar aussitzen und den Wolf weghaben wollen. Weiterwirtschaften wie bisher geht aber gar nicht.

Zudem zeigen Erfahrungen aus der Schweiz, dass sich dort, wo man – unter Protest – auf den Wolf mit Herdenschutz reagiert, die Schafverluste auf den Almen beinahe halbierten. Langsam beginnt es auch manchen Forstleuten und Jägern zu dämmern, dass beim Gesunderhalten von Wald und Wild der Wolf Verbündeter sein kann. Sowohl Weidetierhaltung als auch Wolf sind ökologisch wertvoll, es muss daher beides möglich sein. Das geht ja auch in jenen Gebieten in Europa, wo der Wolf nie weg war. Dagegen träumen unsere Landwirtschaftsminister von „wolfsfreien Zonen“. Mag gut klingen, funktioniert aber nicht. Braucht es auch gar nicht, denn Weidetierhaltung ist auch in Anwesenheit des Wolfs möglich.

Freilich darf man die überforderten Betroffenen und deren ratlose Funktionäre nicht einfach mit dem Wolf alleinlassen. Die großen Beutegreifer sind eine nationale, letztlich eine europäische Angelegenheit – auch weil Wölfe und andere Wildtiere wenig von Grenzen halten. Der Wolf ist zudem eine demokratische Angelegenheit aller, nicht nur der Landwirtschaft. Die Bürger wollen die großen Beutegreifer, die Ökologie braucht sie; daher hat die Politik alles zu tun, ein Leben mit Wolf, Bär, Luchs & Co. zu ermöglichen. Es darf weder die Weidetierhaltung dem Wolf zum Opfer fallen noch umgekehrt. Das ist durchaus möglich, wenn man nur will.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau. E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2018)

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