Der letzte Kreuzritter

Die unmögliche Frage: Ist die ÖVP eine christliche Partei?

Sebastian Kurz ist ein guter Bundeskanzler. Als genuin christlich aber stellt sich seine Partei ganz und gar nicht dar.

Neulich wurde ich Zeuge eines zwischenmenschlichen Massakers. Einige namhafte Katholiken diskutierten, wie christlich die ÖVP sei. Es dauerte nicht lange, und der Ton wurde gehässig. Empört über die Kürzung der Mindestsicherung für Migranten, verließ eine Dame den Raum. Mich hatte gleich gewundert, wie man auf so ein Thema kommt: die ÖVP christlich? Zwar werden in der neuen Volkspartei einzelne Personen geduldet, die sich einsam für christliche Anliegen abstrampeln, als Ganzes sendet sie aber keine christlichen Signale aus. Die Wahlplakate zeigten einen adretten Jüngling, der versunken auf ein schwarzes Tablet schaut. Zeit für Neues, oder so ähnlich. Sebastian Kurz ist ein guter Kanzler, seine Migrationspolitik und sein Kinderbonus sind vernünftig – als genuin christlich aber stellt sich seine Partei nicht dar.

Das Massaker neulich hat mir die bittere Spaltung des hiesigen Katholizismus bestätigt – in konservative Rechtskatholiken und christlichsoziale Linkskatholiken. Dass jemand beides in sich trägt, ist selten. Ich hoffe, nicht der Einzige zu sein. Denn da gibt es zu allem Überdruss noch etwas Drittes. Ich tue mir schwer, es zu benennen. Ich meine Leute, die die Kirche pomadisiert in Lederhosen für einzelne Rituale nutzen, sich aber sonst vom Pfarrer nichts sagen lassen. Diesen Zeitgenossen ist das eine wie das andere herzlich wurscht, Abtreibung und Homo-Genderisierung genauso wie globale und innereuropäische Strukturen der Ausbeutung. Dieser Typus scheint mir in der ÖVP relativ verbreitet zu sein.

Als aktuelles Beispiel bietet sich Bad Gastein an. Der dortige Bürgermeister (ÖVP) trat soeben wegen eines patschert formulierten Themenzettels für den Firmunterricht eine antikirchliche Hetze los. Er schwärzte den Gasteiner Pfarrer ausgerechnet bei einer rosa Zeitung an, die ihren Artikel in zuverlässiger Verzerrung folgendermaßen überschrieb: „Himmelschreiende Sünden von Homosexualität bis Mord“. Der ORF übernahm das, die Hosi erwägt Strafanzeige gegen den Pfarrer.

Der Themenzettel des Pfarrers sah vor, im Firmunterricht Klassiker durchzunehmen, die zehn Gebote und die sieben Hauptsünden. Zusätzlich standen auf dem Papier noch „vier Sünden, die zum Himmel schreien“. Eine dieser Sünden, deren Diskussion aus Zeitmangel gar nicht stattfand, war „vorsätzlicher Mord“. Zwei Punkte waren „linkskatholische“ Anliegen: „Unterdrückung der Armen“ und „Arbeiter um ihren Lohn bringen“. Bei Letzterem kann sich die ÖVP angesprochen fühlen, bringt doch ihr Zwölf-Stunden-Tag manche Arbeiter um Überstundenzuschläge. Schockiert hat den Gasteiner Bürgermeister aber der einzige „rechtskatholische“ Punkt: „die Sünde Sodoms (Sodomie, Pädophilie, homosexuelle Akte)“.

Ohne mit dem Pfarrer zu reden, fragte der Gasteiner Bürgermeister den Salzburger Erzbischof, ob „diese Aussagen im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß sind“? Als wäre nicht Christus selbst unzeitgemäß gewesen. Der Bischof schrieb auf höchstem Niveau zurück: „Die Herausforderung ist, die christliche Idealgestalt gelebter Sexualität klar zu benennen, aber dennoch sich an jeweiligen anders lebenden Personengruppen nicht durch Verurteilung und Diskriminierung schuldig zu machen.“ Das missfiel dem Gasteiner VPler, er hetzte weiter. Ich hingegen ziehe vor dem Erzbischof den Hut. „Zeitgemäß“, schrieb er, sei im Christentum keine Kategorie.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2018)

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