Wir und Salvini: Wer lässt Menschen im Meer ertrinken?

Das Schließen der Mittelmeerroute ist vergleichsweise leicht. Nur wird der Preis in Menschenleben gehandelt.

Vor einem Jahr ertrank im Mittelmeer einer von 38 Afrikanern, Anfang 2018 starb jeder Siebzehnte, im Juni ertrank bereits jeder Siebte. Die Statistik sieht besonders schrecklich aus, weil die Gesamtzahl der Ankünfte in Europa stark abgenommen hat. Auch in absoluten Zahlen sind das aber schon 1400 Tote heuer. Das ist nicht auszuhalten. Ich bin ein prinzipieller Gegner der demografischen Islamisierung, die unsere Eliten 2015/2016 zugelassen haben, und obwohl es in Italien um weniger Migranten und um noch weniger Muslime geht, stimme ich dem Vorhaben des italienischen Innenministers Matteo Salvini prinzipiell zu – die illegale Zuwanderung aus Afrika auf null zu senken. Wenn keiner kommt, so lässt sich argumentieren, dann ertrinkt auch keiner.

Die Realität am Mittelmeer zwingt uns aber in ein mörderisches Dilemma. Mindestens 430.000 Afrikaner warten in Libyen auf ihre Chance. Spaniens neuer Premier stellt einen neuen Pull-Effekt dar, und das Hinausekeln von NGO-Schiffen erhöht die Gefahr der Überfahrt. Kalkuliert Salvini mit der Abschreckung durch Todeszahlen? Erreicht er je den Punkt, da sich keine Afrikaner mehr ans Mittelmeer schleppen lassen, weil sie von der Unerreichbarkeit Europas wissen? Und wie viele werden bis dahin ertrinken?

Ich weiß nicht, ob jemandem aufgefallen ist, dass man uns keine Bilder der ertrunkenen Afrikaner zeigt. Im September 2015 war das anders, das Foto des zweijährigen Aylan Kurdi, tot an einen türkischen Strand geschwemmt, zerriss jedem fühlenden Menschen das Herz. Das Foto wurde in der Folge zur medialen Legitimierung von Massenzuwanderung genutzt. Damals rief der Papst dazu auf, jede europäische Pfarre möge mindestens eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen. Österreich hat den päpstlichen Auftrag auf Jahrzehnte hinaus übererfüllt, auf jede österreichische Pfarre entfielen in nur zwei Jahren durchschnittlich fünfzig Asylwerber.

Heute wissen wir, dass das Verhältnis der aufgewendeten Ressourcen zur geleisteten Hilfe ein erbärmliches ist. Die Versorgung eines Asylwerbers in Österreich kostet so viel, dass man davon 70 in einem nahöstlichen Flüchtlingslager versorgen könnte. Laut Auskunft der zuständigen deutschen Behörde kostet ein unbegleiteter Minderjähriger 5000 Euro im Monat. Diese Ressourcen gehen selten an die Ärmsten der Welt. Die ärmsten Familien der Welt können nicht Abertausende Euro für die Schleppung eines Sohnes nach Europa zusammenkratzen. Es wird einem schwindlig angesichts der Vorstellung, wie viel Gutes wir mit diesem Geld hätten tun können. Nur dass dieses Geld niemand freigegeben hätte!

Mit der Migration aus Afrika verhält es sich ähnlich. Oft wird gesagt, es sei unmöglich, Europa gegen den Wanderungsdruck abzuschotten. Das Gegenteil ist wahr. Selbst in den Jahren, als die Seenotretter das zynische Werk der Schlepper zu Ende führten, kamen über die türkische Festlandroute achtmal so viele Migranten. Die 180.000 Afrikaner, die 2016 in Italien ankamen, waren ein einsamer Rekordwert. Es ist weit von Libyen nach Italien, sehr weit. Das Schließen der Mittelmeerroute ist kein Vollholler, sondern vergleichsweise leicht. Nur wird der Preis in Menschenleben gehandelt. Und Menschen darf man nicht ertrinken lassen, niemals.

Österreich hat sehr viel gezahlt. Für die Mehrheit ist die Sache damit erledigt, für Christen geht sie erst los. Den Hungernden und Verfolgten dieser Welt ist noch nicht geholfen.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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