Solche wie Busek bräuchte das Land. Nur, woher nehmen?

Eine gute Nachred' kriegt ein Politiker eh nur, wenn er schon tot ist, würd' wohl die Tante Jolesch meinen. Sie hätt' nicht recht.

Erhard Busek ist gerade 70 geworden. Ein Grund, ihm zu gratulieren. Erhard Busek war immer eine Ausnahmeerscheinung, intellektuell (nicht notwendigerweise schlau), unbequem, auch der eigenen Partei gegenüber, (selbst)ironisch, seinen Prinzipien und sich selber treu und ganz offensichtlich nicht korrupt. Das soll auch als Spiegel für die gegenwärtige Politik reichen.

Erhard Busek war markanter Begleiter meiner politischen Aufmerksamkeit, seit ich 1981 als Biologe promovierte. Nicht immer riefen seine Aktivitäten als Wissenschaftsminister Begeisterung hervor. Als Beispiel sei das Tierversuchsgesetz von 1989 erwähnt. Tierversuche müssen natürlich genehmigungspflichtig sein, aber eine paritätisch auch mit Tierschutzaktivisten besetzte Kommission einzusetzen, ist im internationalen Vergleich ein Schildbürgerstreich. Offenbar mit Absicht hat er ein Tierversuchsverhinderungsgesetz konzipiert, das die heimische Forschung behindert.

Entweder wechselte er auf Kosten der Wissenschaft politisches Kleingeld oder sein christliches Gewissen bewog ihn zu dieser bis heute nicht korrigierten Fehlkonstruktion. Wer weiß? Wichtiger allerdings war, dass er entscheidend dazu beitrug, die österreichische Politik und Wissenschaft zu europäisieren.

In den 1980er-Jahren durfte ich Herrn Busek als faszinierenden Eröffnungsredner im Salzburger Haus der Natur erleben. Intellektuell und verständlich, inhaltsreich und mitreißend. Neben mir saß Hans Fricke, ein Kollege aus dem MPI Seewiesen, dem damaligen Mekka der Verhaltensforschung. Der meinte, als Deutscher beneide er Österreich um solche Politiker. Welch Balsam für die patriotischen Seele! Und so manch bösen Busek-Spruch habe ich assimiliert. Trotz aller Liebe zu Wien etwa: „Die Behauptung, dass in Wien der Balkan anfängt, ist eine Beleidigung für den Balkan.“

Busek sagt man nach, dass ihm ein geistreiches Bonmot immer wichtiger gewesen sei als eine intakte Freundschaft; vielleicht seine Art, Distanz zu halten. Denn ein anständiger Politiker verhabert sich nicht, auch nicht mit den Medien.

Nach erfolgtem Wiederaufbau waren in der ÖVP neben wenigen anderen vor allem Busek und Heinrich Neisser Symbole für Offenheit und Aufbruch. Aber die waren ihren Kollegen auf die Dauer zu gescheit, was man nicht heraushängen lassen sollte, will man in der Politik etwas werden. Busek ist einiges geworden, unter anderem Vizekanzler. Aber geliebt hat ihn die Partei nie – zu fremd waren ihm wahrscheinlich jene Dummheiten und Kompromisse, die man gemeinhin Politik nennt. Die Betonkopffraktion setzte sich durch, nicht nur in der ÖVP, mit fatalen Spätfolgen.

Die Ernte besteht nun unter anderem aus Xenophobie, Rückwärtsgewandtheit, Desinteresse an der Wissenschaft, aus mittelmäßigen Politikern mit immer geringeren Halbwertszeiten, aus Profillosigkeit, Entscheidungsschwäche und Politikverdrossenheit. Kreative und kritische Geister sind nicht immer bequem. Genau deshalb müssen es sich demokratische Parteien zur Pflicht machen, solche Geister aufzunehmen und zu fördern, heute mehr denn je.

Wenn man Ihnen etwas vorwerfen kann, sehr geehrter Erhard Busek, dann, dass sie sich nicht immer genügend durchgesetzt haben. Solche wie Sie bräuchte das Land. Aber woher nehmen? Beste Glückwünsche jedenfalls – ad multos annos!

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2011)

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