Immer mehr wohnen auf der Straße

Es kommt einem nicht nur so vor: Camping- und Reisemobile erobern die Straßen.

Studie von VW: der California XXL, zu sehen auf der Branchenmesse in Düsseldorf (von 26. 8. bis 3. 9.).
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Studie von VW: der California XXL, zu sehen auf der Branchenmesse in Düsseldorf (von 26. 8. bis 3. 9.).
Studie von VW: der California XXL, zu sehen auf der Branchenmesse in Düsseldorf (von 26. 8. bis 3. 9.). – (c) Werk

Nicht nur geneigten Sportfahrern sind sie ein Bremsklotz im Auge: Die fahrenden, meist kriechenden Behausungen, die vergnüglich gewundene Passstraßen in schleppende Prozessionen verwandeln. Carthago, Dethleffs, Hymer, Westfalia, Hobby und Pössl heißen Proponenten dieser Spezies. Kann es sein, dass die immer mehr werden?

Das kann nicht nur sein, das ist quasi amtlich. Der Markt der Freizeitfahrzeuge (in den USA kurz RVs, für Recreational Vehicle) freut sich weltweit über Wachstum.


China steigt ein. Sogar die Chinesen sind schon auf den Geschmack gekommen: Im Jahr 2015 wurden in China immerhin 4000 Wohnmobile verkauft, von praktisch null nur wenige Jahre zuvor. Japan – auch dort gibt es Zuwächse – dürfte mittlerweile schon eingeholt sein. Das Potenzial im größten Pkw-Markt der Welt ist enorm.

Der größte RV-Markt aber sind die USA, 2015 wurden dort 374.200 Exemplare abgesetzt, wobei sich die Größe vom Campingbus bis zu regelrechten Kleinhäusern auf Rädern samt mitgeführtem Jeep erstrecken kann. Auch Caravans, also Wohnwagen aller Art, darunter die ikonenhaften Airstreams, zählen dazu.

Hinter den USA rangiert Europa, wo gut ein Viertel der weltweiten Produktion unters fahrende Volk gebracht wird. Und damit sind wir in unseren Gefilden, denn auf Platz eins der europäischen Statistik (Quelle: CIVD) rangieren unsere lieben, reiselustigen Nachbarn. Dass die Deutschen bei den Wohnwagen (19.750 Zulassungen) hinter dem Spitzenreiter Großbritannien (23.550) liegen, dürfte sich vermutlich bald ändern, denn die Zuwachsraten in Deutschland waren zuletzt mehr als doppelt so hoch.


Günstige Entwicklung. Bei den Reisemobilen ist Deutschland aber mit großem Abstand führend (35.150 Stück im Jahr 2016) vor den Franzosen und Briten. Generell haben die vielseitigen Wohnmobile die mitgeschleppten Wohnwagen klar hinter sich gelassen: Die Zuwachsraten liegen im Schnitt bei 20 Prozent. Das freut die Hersteller, viele davon aus Deutschland, die mit der Nachfrage allerdings kaum Schritt halten können, wie auf Fachmessen berichtet wird.

Mehrere Entwicklungen spielen ihnen in die Hände. Die Verunsicherung durch Anschläge und unsichere Destinationen lassen den Urlaub im vertrauteren Aktionsradius eines Reisemobils attraktiver erscheinen. Die Zahl der Pensionisten als klare Hauptzielgruppe nimmt stetig zu, gleichzeitig auch deren Fitness und Unternehmungslust. Schließlich ist ein Wohnmobil angesichts von Nullzinsen auf der Bank eine dankbare Investition – die Wertbeständigkeit liegt weit über der eines Pkw. 70 Prozent des Neuanschaffungspreises bei einem gepflegten zehnjährigen Exemplar sind keine Seltenheit. Familien, die wohl den größten Spaß am Wohnen auf Rädern hätten, scheitern nicht selten an den durchwegs hohen Tarifen – die meisten Camper und Reisemobile rangieren zwischen 50.000 und 110.000 Euro. Eine Alternative zur Anschaffung ist freilich das Mieten, das auf immer mehr Plattformen angeboten wird (siehe dazu die Außenspalte rechts).

Wer versuchsweise probeliegen, sich in Nasszellen zwängen und Küchen im Auto begutachten möchte: Am 26. August startet mit dem Caravan Salon Düsseldorf die große Branchenmesse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2017)

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