Intensivtest mit dem Model 3, dem wohl "europäischsten" Tesla

Teslas Kleinster ist seit Ende Februar auf dem europäischen Markt. In Österreich wurden 839 Stück im ersten Quartal zugelassen. Das ist Platz eins bei E-Auto-Neuzulassungen. Aber hält das Model 3, was es verspricht?

Schlank und sportlich. Kompakt und schnittig. Das Model 3 von Tesla ist ein Blickfang.
Schlank und sportlich. Kompakt und schnittig. Das Model 3 von Tesla ist ein Blickfang.
Schlank und sportlich. Kompakt und schnittig. Das Model 3 von Tesla ist ein Blickfang. – Fabry / Die Presse

Über die aberwitzige, hochschaubahnartige Beschleunigung beim Model 3 hat die „Presse“ in einem Kurztest schon geschrieben. Nur, braucht man das? Zählen nicht auch andere Dinge, wenn man täglich mit dem Elektroauto unterwegs ist? Wie sieht es mit der Reichweite wirklich aus, wie funktioniert das Laden, und ist das neuartige Bedienkonzept des Models 3 überhaupt alltagstauglich? „Die Presse“ hat den Tesla eine Woche lang über 1600 Kilometer auf Herz und Nieren getestet.

Am Beginn steht der wohl radikalste Traditionsbruch: Im Model 3 gibt es kaum konventionelle Bedienelemente. Alles, selbst das Handschuhfach, steuert ein 15 Zoll großes Display in der Mitte. Veteranen des Motorjournalismus haben bezweifelt, dass man damit klarkommt. Die Antwort ist Ja. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ greift spätestens nach dem zweiten Tag. Man vermisst den klassischen Tacho hinter dem Lenkrad nicht mehr. Das Feine dabei ist, man kann das Lenkrad einstellen, wie man will, es kann nichts verdecken.

Das puristische Cockpit: Lenkrad, zwei Hebel, ein Monitor.
Das puristische Cockpit: Lenkrad, zwei Hebel, ein Monitor.
Das puristische Cockpit: Lenkrad, zwei Hebel, ein Monitor. – Clemens Fabry

Der Bildschirm als zentrales Instrument wird Tag für Tag immer vertrauter. Nach einer Einlernzeit beherrscht man die Wischer am Display. Der Startschirm zeigt im linken Drittel die wichtigsten Daten wie Geschwindigkeit, Autopilotstatus oder Blinkerzeichen. Der rechte Rest zeigt das Navi. Und das ist ein echtes Highlight. Die Zieleingabe ist so komfortabel wie bei Google Maps. Genaue Adressen braucht man nicht mehr. Außerdem holt das Navigationssystem Stauinformationen aus dem Internet und zeigt verstopfte Straßen an.

Neben Fahrdaten und Navi gibt es eine Reihe von Apps. Zum Beispiel die Verbrauchs-„erziehungs“-app. Sie liefert eine recht genaue Restreichweite gemessen an den letzten zehn, 25 oder 50 Kilometern. Die allgemeine Reichweitenanzeige ist nämlich meist zu optimistisch. So zeigt sie bei vollem Akku zwar 495 Kilometer Reichweite, aber die Kilometer purzeln schneller, als der Kilometerzähler zunimmt. Nach 100 Kilometern verspricht die Anzeige nur mehr 360 Kilometer. Das hängt stark von Fahrweise, Fahrtstrecke und Außentemperatur ab. Irrwitzige Tesla-Sprints beim Überholen oder auf dem Beschleunigungsstreifen auf der Autobahn tun der Reichweite nicht gut. Also reißen wir uns zusammen.

Die Verbrauchsapp schätzt die Restreichweite auf Basis der letzten 10, 25 oder 50 Kilometer.
Die Verbrauchsapp schätzt die Restreichweite auf Basis der letzten 10, 25 oder 50 Kilometer.
Die Verbrauchsapp schätzt die Restreichweite auf Basis der letzten 10, 25 oder 50 Kilometer. – mare

Nervenkitzel Reichweite

Ein ausgedehnter Sonntagsausflug im vollbesetzten Auto vom südlichen Niederösterreich über Südautobahn, das Helenental und Westautobahn in die Wachau bescherte auf den letzten 100 Kilometern dann trotz moderater Fahrweise ordentlich Nervenkitzel. Wir hätten die rund 340 Kilometer lange Strecke sicher ohne Nachladen geschafft – daheim wäre der Akku aber dann sehr leer gewesen. Sieben Prozent lautete die Prognose. Zufällig lag ein Supercharger auf dem Weg. Die „Tankstelle“ auszuprobieren lohnte sich: Denn dort trifft sich der Tesla-Club. Elektroautofahrer sind freundliche Menschen. Man kommt schnell ins Gespräch und tauscht freud- sowie leidvolle Erfahrungen rund ums Fahren mit Strom aus. Model-3-Fahrer plaudern gern länger, denn von den zwölf Ladestationen sind nur zwei auf den kleinen Tesla umgerüstet. Wer Pech hat, muss sich anstellen. An den anderen Säulen können nämlich nur Model S und X Strom saugen.

Bis zu 90 kW saugt das Model 3 am Supercharger. Da geht das Laden wirklich schnell.
Bis zu 90 kW saugt das Model 3 am Supercharger. Da geht das Laden wirklich schnell.
Bis zu 90 kW saugt das Model 3 am Supercharger. Da geht das Laden wirklich schnell. – mare

Bis zu 90 Kilowatt sprudelten am Supercharger übrigens in den Akku. Nach zehn Minuten war er wieder bei 50 Prozent. Dass das Model 3 mehr ein Computer auf einem strombetriebenen Untersatz ist, zeigt sich auch an der Tesla-App für das Smartphone. Damit kann der Ladestatus überwacht und eingestellt werden, während man an der Sprittankstelle daneben einen Kaffee trinkt.

Die App kann aber noch mehr. Sie kann das Auto hupen und blinken lassen und dient innerhalb der Bluetooth-Reichweite als Autoschlüssel. Der eigentliche Schlüssel in Form einer Kreditkarte wird überflüssig.
Ist der Tesla so zugeparkt, dass man nicht mehr ohne Verrenkungen einsteigen kann, lässt sich das Auto mit der „Herbeirufen“-Funktion aus der Parklücke fahren – ohne Einsteigen wohlgemerkt. Beeindruckend. Eine schöne Spielerei. Aber wie oft braucht man sie? Weit öfter brauchte man wohl einen Knopf in der App, mit dem man die Fenster öffnen oder schließen könnte. Das gibt es aber nicht. Jeder VW, Ford, Audi oder Opel kann das mit dem Funkschlüssel. Ein Update aus der Tesla-Entwicklungszentrale in Kalifornien könnte das richten – genauso wie den fehlenden Fernlichtassistenten, der zwar laut Handbuch da sein sollte, es aber nicht ist. Ein fast 70.000 Euro teures Auto ohne Abblendautomatik?

Das Handbuch sagt, hier sollte man den Fernlichtassitenten finden. Den gibt es aber nicht.
Das Handbuch sagt, hier sollte man den Fernlichtassitenten finden. Den gibt es aber nicht.
Das Handbuch sagt, hier sollte man den Fernlichtassitenten finden. Den gibt es aber nicht. – mare

Einige Updates wird auch der viel zitierte Autopilot noch brauchen. Er ist eigentlich eine Sammlung von Assistenzsystemen. Die Spurhaltung funktionierte auf der Autobahn einwandfrei. Doch im Test passierte es öfter, dass der Abstandstempomat bremste, obwohl der gewählte Fahrstreifen freie Fahrt zuließ. Der Tesla erkannte Fahrzeuge auf der Nebenspur offenbar als Hindernis.

Wasser im Kofferraum

Ein Problem lässt sich jedoch mit einem Softwareupdate nicht lösen, es hat nämlich mit der Hardware zu tun: das Kofferraum-Wasser-Problem. Sammeln sich dicke Wassertropfen auf dem Kofferraumdeckel, und man öffnet ihn schwungvoll, läuft das Wasser vom Deckel über die Heckscheibe in den Kofferraum. Die Lösung: langsam aufmachen oder vorher abwischen.

Rinnt das Wasser zu schnell die Heckscheibe hinunter, landet es im Kofferraum.
Rinnt das Wasser zu schnell die Heckscheibe hinunter, landet es im Kofferraum.
Rinnt das Wasser zu schnell die Heckscheibe hinunter, landet es im Kofferraum. – mare

Tesla ist das iPhone der Elektroautos, daher verzeihen die Fans viel. Insgesamt hat das Model 3, das sicherlich als kompakte sportliche Limousine der „europäischste“ Tesla ist, den Test bestanden. Es macht jeden Tag Spaß, den reinrassigen Stromschlitten zu fahren. Erstaunlich viel Stauraum vorne und hinten macht ihn auch familientauglich. Dachträger für eine Skibox soll es geben. Sie sind aber seit Monaten ausverkauft. Reichweitenangst kommt kaum auf. Das Model 3 schaffte 200 Kilometer tägliches Pendeln erwartungsgemäß ohne Schwierigkeiten. Auch das Laden über Nacht am dreiphasigen Starkstrom mit 11 kW sorgt für ein volles Auto in der Früh.

Aber am Elektroautohorizont tauchen schon neue ernst zu nehmende Konkurrenten auf. Und die kommen nicht aus Deutschland. Zu lesen am Sonntag.

Tesla hin oder her. Der Garten muss frühlingsfit gemacht werden. Auch das muss ein E-Auto können. Da geht schon was rein in den Kofferraum.
Tesla hin oder her. Der Garten muss frühlingsfit gemacht werden. Auch das muss ein E-Auto können. Da geht schon was rein in den Kofferraum.
Tesla hin oder her. Der Garten muss frühlingsfit gemacht werden. Auch das muss ein E-Auto können. Da geht schon was rein in den Kofferraum. – mare

Die Tesla Lade- und Reichweitentipps

Sinnvoll aufladen. Der Akku sollte nur dann auf 100 Prozent geladen werden, wenn auch die gesamte Reichweite gebraucht wird.

Für den täglichen Bedarf empfiehlt Tesla nur bis 80 oder maximal 90 Prozent zu laden. Elon Musk begründete das in einem seiner Tweets damit, dass die Rekuperation bei vollem Akku nichts bringe.

Vor dem Start den Tesla aufheizen. Das geht über die App. Dadurch erwartet die Passagiere nicht nur ein warmes Auto, sondern auch der Akku wird auf Betriebstemperatur gebracht. Gut für den Akku und gut für die Reichweite. Hängt das Auto noch an der Steckdose, dann zieht es den Strom zum Vorglühen direkt von dort.

Zurückhaltend fahren. Je schneller das Tempo, umso mehr verbraucht der Tesla. Logisch. Manchmal schwer mit so viel Kraft unterm Strompedal.


[PDZQV]

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Intensivtest mit dem Model 3, dem wohl "europäischsten" Tesla

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.