Nissan: E-Auto mit Platz für sieben (und kein Tesla!)

Nissan kombiniert mit dem E-NV200 Evalia elektrischen Fahrkomfort mit erhöhter Ladekapazität. Klingt familienfreundlich, doch Urlaubsfahrten sind kaum die Stärke des umgänglichen Elektro-Shuttles.

Laden in zweifacher Hinsicht: durch die beiden Schiebetüren plus Heckklappe – oder über zwei Buchsen in die Akkus.
Laden in zweifacher Hinsicht: durch die beiden Schiebetüren plus Heckklappe – oder über zwei Buchsen in die Akkus.
Laden in zweifacher Hinsicht: durch die beiden Schiebetüren plus Heckklappe – oder über zwei Buchsen in die Akkus. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Nissan Evalia läuft bei uns als Geheimtipp für die unkonventionelle Familie, bei der Nutzwert an erster Stelle steht, oder auch für Menschen, die platzraubenden Hobbys (nicht nur im eigenen Keller) nachgehen. Werden beispielsweise nur die Vordersitze benutzt, kann man nicht nur mehrere Fahrräder, sondern auch ein Motorrad im Ganzen einladen.

Basis ist der Kastenwagen NV200, ein knapp über viereinhalb Meter langer, durchaus windschnittig gezeichneter Quader auf Rädern. Im Gewerbe seit einigen Jahren fleißig im Einsatz, ist er als Evalia zum komfortablen Fünf-, auf Wunsch auch Siebensitzer geadelt: An jeder Seite hinten eine Schiebetür, zeitgemäße Komfort- und Sicherheitsausstattung sowie über drei Kubikmeter Stauraum, wenn man die Sitze der zweiten Reihe mit je einem Handgriff nach vorn klappt. Da hinten könne man ja Fußballspielen, bemerkte der kleine Bub anerkennend. Was nur geringfügig übertrieben ist.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Zeitung in der Hand

Die Sitz- und Lenkposition ist einerseits schön erhaben und vermittelt spontan das gar nicht ungute Feeling des Berufsfahrers, der inmitten eiliger Speckgürtelpendler routinierte Gelassenheit an den Tag legt, andrerseits entspricht sie in ergonomischer Hinsicht dem Sitzen auf einer Bierkiste mit der Zeitung in der Hand.

Das mögen nicht alle super finden, ebenso wie Diesel als einzige Motorisierung des NV200 und eine manuelle als einzige Getriebevariante.
Für die zwei letzten Punkte gibt es eine hochaktuelle Lösung, den E-NV200. Der ist freilich schon länger unterwegs, unter anderem für die Post, dort freilich als ziemlich ausgeräumter Kastenwagen.

Als Evalia ist der E-NV200 die elektrifizierte, bestmöglich ausgestattete Familienkutsche, in dieser Form ziemlich einsam auf weiter Flur und in neuester Version mit mehr Reichweite begütert. Die allerdings nur schwer in Zahlen zu gießen ist, solcherart vermag sie zu variieren. Wie jedes batterieelektrische Auto sträubt sich der E-NV gegen Autobahnfahrten, der hohe Aufbau macht die Sache nicht besser. Auch wenn man gar nicht schneller fahren kann als knappe 130 km/h laut Tacho, so wird man das in jedem Fall nicht lang tun. Die Reichweite schmilzt wie Eis in praller Sonne.

Ganz anders schaut das im städtischen Umfeld aus, wo man mit knapp 290 Kilometern seriös rechnen darf. Das ist in einer Woche gar nicht auszuschöpfen (außer vielleicht bei der Post), sodass man sorgenfrei über einige Tage die passende Gelegenheit zum Stromtanken abwarten kann.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wir wählten einen der bekannten Burgerbrater mit Smatrics-Ladesäule auf dem Areal. Zwei Buchsen offenbart der Nissan unter der Klappe an der Fahrzeugfront: Typ 1 und CHAdeMO. Mit zweiterem, dem bevorzugten Steckersystem japanischer Hersteller, rauschen 50 kW in die 40-kWh-Lithium-Ionen-Akkus des Nissan, und statt einfach nur zu warten, nutzten wir die Zeit, holten die verdreckten Räder aus dem Laderaum, reinigten sie mit der Sprühlanze an der Tankstelle, genehmigten uns ein Laberl und fanden hernach das Auto mit über 80 Prozent Ladestand vor. Das reicht wieder für 230 Kilometer, verspricht die Reichweitenprognose. Tatsächlich wurde der Wert nach oben revidiert: Nach kurzer Fahrt hielten wir bei 240 Kilometern.

In der Stadt kann das System halt nach Kräften rekuperieren, mit der entsprechenden Fahrweise benutzt man die mechanische Bremse nur zum Halten auf den letzten zwei, drei Metern, der Rest: zielgenaues Verzögern durch rechtzeitiges Vom-Gas-Gehen. Eine Disziplin, in der man wahre Meisterschaft erlangen kann. In jedem Fall ist es eine kurzweilige Angelegenheit, den spritzigen Elektro-Evalia zu bewegen, man ist ja auch von der sonst eher mühseligen Schaltarbeit entbunden. Das stärkste Argument für ein Elektroauto ist immer noch der sagenhafte Fahrkomfort, alle anderen Kriterien hängen von der Betrachtungsweise ab.

Urlaubsfahrten zum Beispiel: Dafür wäre ein eigener kleiner Urlaub einzuplanen. Man müsste sich in Etappen fortbewegen, die wohl zwischen 150 und 180 km liegen. Viel Spaß, wenn man so nach Kroatien will. Auch der Preis: keine Okkasion. Den Evalia mit Verbrennungsmotor gibt es um 15.000 Euro weniger (Förderungen nicht eingerechnet).

Nissan e-NV200 Evalia

Maße. L/B/H: 4560/2011/1845 mm. Radstand: 2725 mm. Leergewicht ab 1667 kg. Ladevolumen: 2110 bis max. 2940 Liter (Fünfsitzer).

Antrieb. E-Motor an der Vorderachse, Leistung: max. 80 kW (109 PS), Drehmoment: max. 254 Nm.
Akku: Lithium-Ionen, Kapazität: 40 kWh. Vmax: 123 km/h.
Testverbrauch: 15,2 kWh/100 km.
Laden: Typ 1 mit 6,6 kW, CHAdeMO mit 50 kW.

Preis. 44.200 Euro.

Compliance-Hinweis: Die Reisen zu Produktpräsentationen wurden von den Herstellern unterstützt. Testfahrzeuge wurden kostenfrei zur Verfügung gestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2019)

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