Starkes Ranking trotz mancher Schwächen

Standort. Die Performance der heimischen Logistik ist gut. Um künftige Herausforderungen zu meistern braucht es aber eine modernisierte Infrastruktur, forcierte Fachkräfteausbildung und noch mehr Engagement in Sachen Neue Seidenstraße.

Packages are seen at the new package sorting and delivery UPS (United Parcel Service) hub in Corbeil-Essonnes and Evry
Packages are seen at the new package sorting and delivery UPS (United Parcel Service) hub in Corbeil-Essonnes and Evry
Die Logistiker müssen sich auf die Digitalisierung und die Bewältigung steigender Pakettransporte einstellen. – (c) REUTERS (Charles Platiau)

Die Weltbank reiht Österreich 2018 im Logistics Performance Index an weltweit vierter Stelle. Es ist das erste Mal, dass es der Standort unter die „Top Five“ schafft – eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch die Branche will sich nicht auf dem Erfolg ausruhen. „Das ist sehr erfreulich, aber keine Garantie für morgen“, mahnte Wolfram Senger-Weiss, Geschäftsführer der Gebrüder Weiss und Präsident des Zentralverbands Spedition & Logistik kürzlich anlässlich einer Pressekonferenz des Zentralverbandes. Die Platzierung sei auf die Infrastruktur und Betriebe zurückzuführen, die auch unter nicht optimalen Bedingungen gut funktionierten. Es liege aber an der Politik, die Weichen für die Zukunftssicherung zu stellen. Doch vor welchen Herausforderungen steht die Logistik und wie wird die Branche fit für die Zukunft?

Den dringendsten Punkt sieht Karl Dörner, Professor für Produktion und Logistik an der Uni Wien, in der Digitalisierung. Analog zur Produktion mit dem Schlagwort Industrie 4.0 könne man auch in der Logistik die Digitalisierung für effiziente Planung nutzen. Schon jetzt gebe es sehr viele Daten, auf die man zurückgreifen könne – Aufzeichnungen zur Verkehrslage, Lagerbestände und Informationen darüber, wie sich Kundenbedürfnisse entwickeln. Man verarbeite einige diese Informationen bereits statisch, durch die Digitalisierung habe man aber noch ganz andere Möglichkeiten, sie in die Planungssysteme zu integrieren. Etwa das Erstellen von Plänen in Echtzeit, angepasst an Störungen und Ausfälle, um zeitgerecht zeitkritische Lieferungen abzuwickeln. Dörner sieht auf der einen Seite die Politik gefordert, Anreize zu schaffen, damit die Unternehmen den Umstieg in die digitale Welt schaffen, „es braucht aber auch die Bereitschaft bei den Unternehmen und Vertrauen in die neue Technologie.“ Diese Bereitschaft sehe er oft noch nicht gegeben, die Branche sei immer noch sehr „hemdsärmelig“.

 

Logistik 4.0?

Die Bedeutung der Digitalisierung hat man grundsätzlich aber erkannt. Senger-Weiss nennt ein modernes Infrastrukturmanagement als langfristiges Ziel zur effizienten Gestaltung der vorhandenen Verkehrswege. Mit Echtzeitdaten könne man etwa Kapazitätseinschränkungen durch Baustellen, Staus oder Unfälle vermeiden und Lieferungen auf alternative Verkehrsträger verlagern. Voraussetzung sei allerdings flächendeckendes Breitbandinternet und 5G-Mobilfunknetz. Zwei Ziele, die Infrastrukturminister Norbert Hofer bei seinem Amtsantritt angekündigt hat. Die Umsetzung steht noch aus. Im BMVIT arbeitet man derzeit mit der Asfinag an der österreichischen C-ITS Strategie, um Autobahnen zu digitaler Infrastruktur zu entwickeln. Kooperative Digitaldienste ermöglichen dabei die Kommunikation zwischen Infrastruktur und den Verkehrsteilnehmern. Die C-ITS Dienste sollen 2019 starten.

Vorteil einer effizienten Nutzung der Infrastruktur ist zudem die Einsparung von Emissionen. Auch Umweltbewusstsein gewinne in der Branche immer mehr an Bedeutung, meint Dörner. Insbesondere in dicht besiedelten Gebieten sei Elektromobilität wichtig, um CO2 und Lärm zu reduzieren. Der Branchenverband fordert von der Politik zudem eine Reihe an Maßnahmen: die Förderung von E-Fahrzeugen, eine vierjährige Abschreibungsdauer für E-LKWs und ein flächendeckendes Tankstellennetzes für alternative Kraftstoffe.

 

Hoffnungsträger Seidenstraße

Für Begeisterung in der Branche sorgt die „Neue Seidenstraße“. Das weltgrößte Infrastrukturprojekt unter der Führung Chinas soll durch den Ausbau von Schienen- und Wasserwegen Asien mit Europa verbinden. Freilich ist auch die Politik längst auf das Jahrhundertprojekt aufmerksam geworden. Beim Staatsbesuch der österreichischen Regierung in China im April unterzeichnete Infrastrukturminister Hofer eine Absichtserklärung zur Kooperation. Das größte Anliegen aus österreichischer Sicht: eine Verlängerung der Breitspurbahn bis in den Wiener Raum.

Der Branchenverband will noch einen Schritt weiter gehen: Österreich solle die Chance nutzen, sich durch die Anbindung an die Neue Seidenstraße als Logistikdrehscheibe zwischen West-, Osteuropa und Asien zu positionieren. Das erfordere ein modernes Güterverkehrszentrum in Ostösterreich und verstärkte Zusammenarbeit mit der Slowakei, an deren Grenze zur Ukraine die Breitspurbahn enden soll. In Österreich und der EU fehle diesbezüglich aber die gemeinsame Strategie.

 

Experten gefragt

Weitere offene Baustellen sieht Senger-Weiss im Zollwesen und E-Commerce. Man könne mehr Wertschöpfung nach Österreich holen, derzeit verliere der nationale Handel hier vorrangig. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, Veränderungen im Kaufverhalten zu verstehen und anzunehmen. Um die Chancen der Digitalisierung wirklich für die Zukunft zu nutzen, brauche es zuallererst Fachkräfte, erklärt hingegen Dörner. Man müsse schon jetzt beginnen, Experten auszubilden, die sich sowohl in den Bereichen Informatik, als auch Logistik und Supply Chain Management auskennen, um die Masse an Daten sinnvoll zu verwenden. Es geht also nur gemeinsam: mit Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2018)

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