Brexit: Warten auf den Masterplan

Der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs rückt immer näher. Da weiterhin keine Klarheit über das Wie herrscht, nimmt der Druck auf die Lieferketten in der Logistikwirtschaft weiter zu.

Port of Dover Kent Lorries arriving at the Port of Dover in Kent Picture dated Thursday January
Port of Dover Kent Lorries arriving at the Port of Dover in Kent Picture dated Thursday January
Im Jänner ordnete die britische Regierung schon einmal einen Testlauf für das befürchtete Brexit-Chaos im Hafen von Dover an. – (c) imago/PA Images (Isabel Infantes)

Es ist wohl derzeit das wichtigste Datum für die europäische Logistikwirtschaft: Am 29. März soll der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs rechtskräftig werden. Wenige Wochen vorher gibt es weiterhin keinen Plan für den Austausch von Waren mit den verbleibenden Mitgliedern des Staatenverbunds. Klar ist allerdings, dass es die Branche viel Geld kosten wird.

„Durch den möglichen Wegfall des EU-Binnenmarkts, der möglichen Wiedereinführung von Zöllen und langwierigen Zollabfertigungen sind bei Warenverkehr und Logistik Verzögerungen in der Lieferkette und höhere Kosten für alle Verkehrsträger zu erwarten.“ Diese Aussage von Roman Stiftner ist seit Monaten tagesaktuell. Der Präsident der Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL Österreich) macht deutlich, dass aus seiner Branche alle betroffen sind, die irgendeinen Austausch mit dem Königreich haben. Vorbereiten müssten sich Stiftner zufolge vor allem internationale Speditionen, aber auch Unternehmen, die Niederlassungen oder Werke in Großbritannien haben oder in enger Handelsbeziehung stehen.

 

Weiterhin auf Warteposition

Wie alles zusammenhängt, ist nicht zu unterschätzen: „Großbritannien ist Österreichs siebtgrößter Wirtschaftspartner in der EU und ein wichtiger Handelspartner für die Investitionsgüter- und die Automobilindustrie“, betont der BVL-Präsident. Und: „Wenngleich der Exportanteil ins Vereinigte Königreich mit 3,9Milliarden Euro nur rund vier Prozent beträgt, wird der Brexit für international agierende und exportorientierte Unternehmen spürbar sein.“

Auch seit Monaten tagesaktuell ist der aktive Umgang mit dem Thema für die Dienstleister selbst: „Wir verfolgen die politischen Entwicklungen aufmerksam und bereiten uns intensiv vor“, sagt etwa Axel Spörl. Mit Blick auf die bisherige internationale Erfahrung des Paketdienstleisters wirkt der General Manager von GLS Austria aber trotzdem recht entspannt: „Das GLS-Netzwerk beinhaltet bereits jetzt einige Nicht-EU-Länder, sodass wir über ein fundiertes Know-how zu Prozessen der Import- und Exportabwicklung von Zollsendungen verfügen.“ Spörl betont zudem, dass das Vereinigte Königreich auch nach dem Brexit für den Dienstleister nicht an Relevanz verlieren wird. Genauso mit drin, im Ausstiegsszenario ohne Plan, stecken die Verkehrsinfrastrukturanbieter. Denn diese bringen Pakete oder viele Waren erst auf den Weg. Aufgrund der Distanz zum Königreich steht hierzulande insbesondere der Flughafen Wien im Fokus. Gegenüber der „Presse“ hat Vorstandsdirektor Julian Jäger aber bereits Entwarnung gegeben. Ihm zufolge spielen Frachtströme in Richtung des Inselstaats nur eine geringe Rolle. Die Auswirkungen auf den Flughafen Wien würden sich daher eher in Grenzen halten. „Wir sind ein Bindeglied zwischen den Elektronik- und Automotive-Entwicklungsstandorten im asiatischen Raum und den Produktionsstätten in der Ostregion“, konkretisiert dies Jäger. Man rechne aber mit steigenden Ticketpreisen für Verbindungen nach England. Der Vorstandsdirektor nennt auch Effekte, die dem Airport in Schwechat durchaus willkommen sind. So habe die britische Fluggesellschaft Easyjet als Konsequenz aus der Brexit-Entscheidung seine Europa-Zentrale nach Wien verlegt, bemerkt Jäger. Weiters: „Wir und der gesamte Luftfahrtstandort Österreich bieten uns jedenfalls als Betriebsstandort für britische Unternehmen an.“ Jägers Meinung über den geplanten EU-Austritt fällt trotzdem nicht rosig aus: „Aus meiner Sicht ist der Brexit die eindeutig falsche Entscheidung.“ Komme es tatsächlich dazu, würden wichtige Wirtschafts- und Tourismusverbindungen zwischen Großbritannien und dem Rest Europas „massiv erschwert“, internationale Handelswege „deutlich komplizierter“, auch der Finanzstandort London würde darunter leiden.

 

Besorgniserregendes Szenario

BVL-Präsident Stiftner verdeutlicht, was Jägers Szenario wiederum konkret für die Logistik bedeutet. Es gehe bei Vorbereitungen auf den Brexit in seiner Branche um „höhere Kosten, zusätzliche administrative und personelle Aufwände“, die sich auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirkten und den Druck auf die gesamte Lieferkette erhöhten, und zwar „beginnend beim Einkauf über Transporte bis hin zur Bildung höherer Lagerkapazitäten“.

Anfang Februar machte eine Nachricht in Europa Schlagzeilen: Bei einem ungeordneten Brexit könnten Lkw aus der EU womöglich ohne zusätzliche Genehmigungen das Königreich passieren, um erst einmal ungeordnete Zustände zu verhindern. Dabei handelt es sich allerdings nur um einen Vorschlag unter vielen. Und eine nachhaltige Lösung des Problems für die Logistikwirtschaft ist er sowieso nicht.

TERMIN

Die Wirtschaftskammer Österreich informiert am 5. März an ihrem Hauptsitz in Wien über die Brexit-Auswirkungen für österreichische Unternehmen. In der Kooperationsveranstaltung „Next Stop Brexit – Auswirkungen auf Ihr UK-Geschäft“ wird es Vorträge und Beratungsinseln zu den Themen Zoll, Arbeitsrecht/Entsendungen, Steuern und Lieferketten geben. Ähnliche Formate veranstalten bis in den März hinein auch die Länderorganisationen der WKO. Die Teilnahme ist kostenlos.

www.wko.at/service/veranstaltungen.html

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2019)

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