Alt oder 60 plus? Arm oder sozial schwach?

Die deutsche Armutskonferenz stößt sich an den Worten "Migrationshintergrund" und "Behindertentransport". Aber diese Begriffe durch andere zu ersetzen, ändert nicht viel.

Linguistik oder plus oder
Linguistik oder plus oder
(c) AP (Itsuo Inouye)

Die nationale Armutskonferenz in Deutschland hat ein Problem mit der Formulierung Person mit Migrationshintergrund. Es werde den so Bezeichneten nicht gerecht, meint sie, und setzte es darum auf die „Liste der sozialen Unwörter“ – genauso wie das Wort alleinerziehend und Behindertentransport. Beide Begriffe würden negative Assoziationen wecken und seien darum zu vermeiden. „Sprache ist nicht neutral, Sprache bewertet“, erklärte Thomas Beyer, der Sprecher der Armutskonferenz.

Die am Dienstag publizierte Liste enthält durchaus Wörter, über deren Verwendung man nachdenken sollte – weil sie zum Beispiel semantisch in die Irre führen: Sozial schwach etwa impliziert Defizite im sozialen Bereich. Ökonomisch schwach wäre tatsächlich präziser. Man könnte natürlich auch wieder zum alten, fast in Vergessenheit geratenen Wörtchen arm greifen – das aber paradoxerweise durch sozial schwach ersetzt worden ist – möglicherweise sogar, um niemanden zu diskriminieren.

Immer wieder wird versucht, Begriffe, die negative Assoziationen wecken, durch andere, noch nicht „angepatzte“ zu ersetzen. Doch das geht nicht lang gut: Solche Wortneubildungen, notierte Steven Pinker in seinem Buch „The Blank Slate“, erleben im Laufe ihres Gebrauchs eine Bedeutungsverschlechterung und müssen darum wiederum ersetzt werden: Negro wurde durch black und das wiederum durch African American ersetzt, crippled durch handicapped durch disabled durch challenged. Im Deutschen sind die Entwicklungen ähnlich, man spricht nicht mehr von Krüppeln, auch nicht von Behinderten, sondern von Menschen mit Behinderung. Nicht von Alten, auch nicht mehr von Senioren, sondern von älteren Menschen oder von 60 plus. Und das Wort Ausländer beziehungsweise Gastarbeiter wurde durch das Wort Migrant ersetzt, welches wiederum von der Formulierung Menschen mit Migrationshintergrund verdrängt wurde.

 

Die Euphemismus-Tretmühle

Und eben diese Formulierung, die gerade ersonnen wurde, um zu vermeiden, dass Menschen mit ihrer Herkunft gleichgesetzt werden, schafft es nun auf die „Liste der sozialen Unwörter“ der deutschen Armutskonferenz: Migrationshintergrund werde nämlich häufig mit einkommensschwach, kriminell und schlecht ausgebildet in Zusammenhang gebracht, so die Argumentation. Sie mutet wie ein Beleg zu Steven Pinkers These an, dass Euphemismen verlässlich von den alten Assoziation eingeholt werden – weshalb in der Folge ein neuer, unverbrauchter Begriff gefunden werden muss, bis der wiederum eingefärbt ist, und so fort.

Steven Pinker fand für dieses Phänomen die Bezeichnung „Euphemismus-Tretmühle“ – wobei einzuwenden wäre, dass die von ihm erwähnten Begriffe keine Euphemismen sind, sondern bewusst neutral. Die Euphemismus-Tretmühle ist jedenfalls für ihn ein Beweis dafür, dass sich die Dekonstruktivisten verrannt haben in ihrer Annahme, die Sprache sei ein in sich geschlossenes System, das sich nur auf sich selbst bezieht, ein Gefängnis, in dem der Geist eingesperrt ist, weil er nicht anders kann, als in Sprache denken. „Die Euphemismus-Tretmühle zeigt, dass wir zuallererst in Vorstellungen denken, nicht in Wörtern. Gib der Vorstellung einen neuen Namen, und er wird von der Vorstellung gefärbt werden.“

Die Folge: Man muss an den Vorstellungen ansetzen. Knapp gesagt bedeutet das, dass erst, wenn es keinen Rassismus mehr gibt auf dieser Welt, ein Begriff für „Schwarze“ gefunden werden kann, der nicht über kurz oder lang beim Hörer oder Leser rassistisch motivierte Bilder evoziert. Wann das passiert sein wird? Wir werden es laut Pinker daran merken, dass die Euphemismus-Tretmühle zum Stillstand gekommen ist.

Eine andere Möglichkeit haben starke Communitys für sich entdeckt: Sie bezeichnen sich selbst mit diskriminierenden Begriffen – und drehen diese um. Das ist mit schwul geglückt. Doch auch hier dreht sich die Mühle: Die negative Vorstellung wird auf jeden Fall zur Sprache – in diesem Fall wird eben beleidigend vom Homo gesprochen.

Auch Steven Pinker geht nicht so weit, dass er der Sprache und der Kritik an unserer Sprache den Einfluss auf unser Denken ganz abspricht: Natürlich wirkt Sprache auf die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, zurück. Vor allem ist die Euphemismus-Tretmühle kein Argument dagegen, im Zweifelsfall passendere Begriffe zu verwenden. Denn auch wenn es sich bei manchen Wortneuschöpfungen um Vorstellungskosmetik zu handeln scheint, findet man doch immer wieder Begriffe, die tatsächlich dem Bezeichneten besser gerecht werden als die vorangegangenen: Der Austausch von handicapped und disabled mag willkürlich erscheinen – die Verwendung von Mensch mit Behinderung statt Behinderter ist es nicht. Die eine Formulierung identifiziert den Menschen mit seinem Handicap, die andere beschreibt das Handicap als eine seiner Eigenschaften.

Detail am Rande: Was man statt Migrationshintergrund und alleinerziehend sagen soll, welchen neuen Begriff wir in die Tretmühle werfen sollen, steht nicht auf der Liste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2013)

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