Kunstfehler & Tote: Was dagegen tun?

Erschreckend: In Österreich sollen Systemfehler in Spitälern jährlich tausende Menschenleben fordern. Checklisten könnten die Zahl operationsbezogener Todesfälle halbieren.

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Blanke Angst können einem die Zahlen machen: Bis zu 98.000 vermeidbare Todesfälle gibt es in den USA jährlich infolge von Systemfehlern im Krankenhaus, in Österreich sollen es mehrere tausend sein. Laut Expertenaussage stirbt in der EU jeder Tausendste an einem Behandlungsfehler im Krankenhaus, insgesamt erleiden 40 bis 50 Prozent aller Patienten im Spital einen Schaden, wobei da aber auch Bagatellschäden inkludiert sind.

„Da gehört auch der blaue Fleck nach einer Blutabnahme dazu“, betonte Univ.-Prof. Dr. Norbert Pateisky, Leiter der Abteilung Klinisches Risikomanagement an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, bei einem seiner Crashkurse für Klinisches Risikomanagement. Derlei Seminare, vor allem für Ärzte und medizinisches Personal konzipiert, sollen helfen, die Zahlen unerwünschter Zwischenfälle im Krankenhaus zu senken – und damit die Zahlen vermeidbarer Todesfälle, falsch operierter Körperteile, verwechselter Patienten, kurzum: Patientenleid durch Fehler soll reduziert werden.

80 Prozent der Fehler im Krankenhaus haben ihre Ursache in Kommunikations- und Teamproblemen. Ein drastisches Beispiel: Der Arzt ordert mündlich Valium für eine Infusion, die Schwester versteht Kalium; wenig später ist der Patient tot. „Eine geschlossene Kommunikation, also Rückversicherung, ob man wohl richtig verstanden hat, funktioniert im Krankenhaus kaum“, kritisierte Pateisky.

Entsprechend die Statistik: „In einem Akutspital ist bei 100 Patienten innerhalb von fünf Tagen mit 500 Medikationsfehlern zu rechen.“ Im letzten Monat etwa starben in Pariser Spitälern ein Dreijähriger und ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Medikamentenverwechslung und Dosierungsfehlern.

 

Mehr Sicherheit ins Spital

Freilich ist nicht jeder Behandlungsschaden vermeidbar und freilich, so der Experte, könne niemand auf Dauer fehlerfrei arbeiten, und in einem stressbeladenen Beruf mit hohem Zeitdruck und vielen Risken schon gar nicht. Jedoch könne die Etablierung eines Risiko- und Fehlermanagements mehr Sicherheit ins Spital bringen. In anderen Hochrisikobereichen – etwa der Fliegerei – ist das bereits Realität. „Auch Piloten machen regelmäßig Fehler“, erwähnte Flugkapitän und Crew-Trainer Hans Härting. Aber ein ausgeklügeltes System, regelmäßige Trainings, ständige Briefings und das Arbeiten mit Checklisten hätten viele Fehlerquellen eliminiert.

Briefings würden auch in der Medizin schwere Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen reduzieren und weitgehend verhindern, dass der falsche Fuß, der falsche Patient operiert wird. „Beim Transport des Patienten in den Operationssaal arbeiten wir immer eine Checkliste ab, das hat sich sehr bewährt“, berichtete Dr. Wolfgang Stummvoll, Vorstand der Gynäkologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz, wo klinisches Risikomanagement bereits implementiert ist. Seither, so Stummvoll, sei die Komplikationsrate gesenkt, die Effizienz massiv gesteigert worden.

Laut einer brandaktuellen, ein Jahr laufenden Studie der Weltgesundheitsorganisation könnte der Einsatz von einfachen Checklisten vor und nach jeder Operation die Zahl operationsbezogener Todesfälle beinahe halbieren und Millionen von Leben retten sowie dauernde Invaliditäten verhindern. Der Checklistentest dauert nur wenige Minuten und beinhaltet unter anderem die abermalige Identifikation des Patienten, kurze Besprechung des Arbeitsablaufes, Zählen von Tupfern und Nadeln, um sicherzugehen, dass nichts im Körper vergessen wurde.

„Ein präoperatives Briefing dauert im Schnitt zwei bis drei Minuten“, meinte Pateisky. Das erspare aber dafür Zeit bei der Operation. Weil ein Briefing verhindere, dass irgendetwas nicht vorbereitet sei, dass ein Instrument fehle, dass man dann herumtelefonieren oder suchen müsse. Das erzeuge nämlich Mehrfachstress und Ärger, das Risiko eines Kunstfehlers steige.

 

Fehler gerne vertuscht

„Ich bin früher meist abgehetzt in den OP-Saal gekommen. Seit wir das präoperative Briefing eingeführt haben, funktioniert alles viel stressärmer und fehlerfreier. Wir ersparen uns ein Nachtelefonieren, es wird viel weniger vergessen und falsch gemacht“, erzählte ein Gynäkologe aus der Steiermark. Stichwort falsch – hin zum Fehler, der in Ärztekreisen häufig nach wie vor gerne vertuscht oder übergangen oder nicht eingesehen wird. „Was soll ich mit meinem Arzt machen?“, fragte ein Primar in die Runde, „der hat mir bei Operationen schon zwei Mal bei zwei verschiedenen Patienten eine Milz eingerissen. Auf meine Aufforderung, er solle sanfter vorgehen, meinte er nur, er mache ohnehin alles richtig, er mache keine Fehler.“

 

Das Bedenkliche in der Medizin

Schwenk in die Luftfahrt: „Vor rund 25 Jahren hat man auch bei uns Fehler nicht zugegeben und vertuscht, so lange es ging. Jemand, der einen Fehler machte, wurde geächtet“, erwähnte Christian Woborsky, Leiter der Flugsicherungsstelle Wien. „Inzwischen aber schätzt man jene, die einen Fehler zugeben und erklären, sie hätten das Problem so und so gelöst.“

Fehlerkultur ist schließlich ein Weg zur Fehlervermeidung. Auch in der Medizin lernt man aus (zugegebenen und analysierten) Fehlern, wie man sie in Zukunft vermeidet. Das Bedenkliche aber ist, wenn in der Medizin immer wieder Fehler nach dem gleichen Muster passieren und das System Krankenhaus nichts daraus lernt. Wiewohl anonyme Fehlermeldestellen immer öfter eingerichtet werden. Und dennoch: Eine Schubumkehr hat es in der Luftfahrt nur einmal gegeben, eine falsche Blutkonserve erhält einer von 30.000 Patienten.

Für die internationalen Patientensicherheitsziele hat die Joint Commission International die häufigsten Krankenhauszwischenfälle einer Analyse unterzogen und Gegenstrategien formuliert. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen für die korrekte Identifikation des Patienten; die verbesserte Sicherheit bei gefährlichen Medikamenten, die in der Realität immer wieder verwechselt werden und zu mitunter letalen Zwischenfällen führen; die verbesserte Kommunikation unter den Behandlern; Hygienemaßnahmen, zu denen regelmäßiges Händewaschen zählt.

Internationalen Publikationen zufolge aber wird regelmäßige Handhygiene (Händewaschen) von weniger als 50 Prozent des Krankenhauspersonals eingehalten – regelmäßige tödliche Zwischenfälle sind die Folge. Auch viele der vermeidbaren Sepsis-Todesfälle in Österreich sind auf mangelnde Spitalshygiene zurückzuführen.

KURSE UND EDV GEGEN DEN TOD IM SPITAL

Kunst- oder Systemfehler in Krankenhäusern fordern jährlich tausende Menschenleben in Österreich. Tragisch genug. Noch tragischer: Viele der Fehler wären vermeidbar gewesen.

Patientensicherheit beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie die Fehlerzahlen reduziert werden können. Gezeigt wird das auch in Crash-Kursen für klinisches Risikomanagement, die unter anderem Univ.-Prof. Dr. Norbert Pateisky durchführt (das nächste Mal am 12. und 13. März). Nähere Informationen: ? 01/5224434, www.assekurisk-ag.at.

Das EU-Forschungsprojekt „PSIP, Patient Safety through Intelligent Procedures in Medication“ ist mit 7,3 Mio. Euro dotiert. Ziel ist es, EDV-Systeme zur Vermeidung von Medikationsfehlern zu entwickeln. Als Projektpartner untersucht die Tiroler Gesundheitsuniversität UMIT in Feldstudien, ob durch wissensbasierte Module die Fehlerrate tatsächlich reduziert werden kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2009)

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