"Ich bin glücklich, Autistin zu sein"

Im Umgang mit Autisten gibt es laufend falsche Zuschreibungen, wenig Wissen, dafür viel Mitleid und große Unsicherheit. Denise Linke ist eine der Vorkämpferinnen dafür, Menschen mit Autismus aus der Opferrolle zu befreien.

Denise Linke will Autisten Selbstbewusstsein geben.
Denise Linke will Autisten Selbstbewusstsein geben.
Denise Linke will Autisten Selbstbewusstsein geben. – (c) Florian Reischauer

Wie genau stellt man sich eigentlich einen Autisten vor? Schwierig. Ja, man weiß schon, dass Menschen mit Autismus irgendwie anders sind. Doch wie dieses Anders aussieht, wie man es erkennt, wenn man plötzlich vor einem steht, dafür gibt es kein wirkliches Bild. Der 26-Jährigen, die gerade die Tür ihrer Berliner Wohnung aufgemacht hat, würde man den Stempel Autistin jedenfalls nicht aufdrücken. Wie denn auch? Denise Linke sieht aus, wie Frauen in diesem Alter eben aussehen. Leicht strubbeliges braunes Haar, am Nacken scheint ein Tattoo durch, ein Nasenpiercing, ein Tuch locker um den Hals gewickelt. „Komm rein“, sagt sie, während sie das Bein ausstreckt, damit der Kater nicht aus der Tür entwischt. Es ist nicht anders als bei einem Besuch in anderen Wohnungen.

Es ist etwa vier Jahre her, dass Denise Linke die Diagnose bekam, eine Autistin zu sein. Diagnose, ein Wort, das nicht so recht zu passen scheint. Denn was genau ist Autismus überhaupt? Eine Krankheit? Eine Behinderung? „Es ist eine Wahrnehmungsstörung“, sagt sie. Man merkt ihr die Routine an. Dass es nicht das erste Mal ist, dass sie mit der Erklärung ansetzt. „Man nimmt alles um sich herum wahr.“ Jedes Geräusch. Jeden Impuls. Jede Regung. All das sind Wahrnehmungen, die Autisten nicht ausblenden können. Die zur Reizüberflutung führen. Schnell wird alles zu laut, zu hell, zu heiß.

Ein Moment wie dieser war es auch, in dem sie auf ihren Autismus aufmerksam gemacht wurde. Eine Überforderung ihrer Sinne, als ein Rettungsauto mit dröhnenden Sirenen vorbeifuhr – und sie die Hände auf die Ohren presste. „Wann hast du deine Diagnose bekommen?“, fragte sie ein damaliger Mitbewohner. „Meine was?“ „Na, Asperger. Du hast doch auch Asperger.“ Plötzlich stellte die damals 22-Jährige, die bis dahin nur ein sehr klischeehaftes Bild von Autismus hatte, fest, dass sie selbst Autistin ist. Auf einmal war da eine Erklärung für so vieles, das sie erlebt hatte. Das beklemmende Gefühl in Lokalen mit lauter Musik. Die Überforderung im Einkaufszentrum mit all seinen Reizen. All das erschien nun in einem anderen Licht.

„Autismus bedeutet auch ein gewisses soziales Unvermögen“, erzählt sie. Empathie, zum Beispiel, fällt Autisten schwer. Das Erraten, was andere fühlen, „das funktioniert bei mir nicht“. Auch manche kommunikative Spielart, die nicht gerade und direkt ist, erschließt sich ihr nicht. Etwa Sarkasmus. „Es gibt Autisten, die Sarkasmus mehr oder weniger verstehen. Und es gibt welche, die sogar sarkastisch sein können – auch, wenn sie oft nur das Verhalten imitieren.“

Denise Linke tut sich schwer damit, ihn zu erkennen. „Mein Freund hat sich angewöhnt, dass er jedes Mal die Hand hebt, wenn er sarkastisch ist.“ Auf diese Weise kann sie richtig deuten, dass manche Wortmeldung eben nicht so gemeint ist, wie sie gesagt wurde. Auch so mancher Witz kann Probleme bereiten. „Manche versteht man natürlich. Wenn ein Satz mit ,Treffen sich ein Rabbi und ein Pfarrer‘ anfängt, ist klar, dass es da jetzt nicht um ein persönliches Erlebnis geht.“ Doch ein Scherz in einer normalen Gesprächssituation kann durchaus zu Verwirrung führen.

Interview mit einer Autistin. Wenn sie da so sitzt, über ihren Autismus spricht, dazwischen den Kater streichelt, an ihrer Kaffeetasse nippt – da deutet nichts darauf hin, dass an ihr irgendetwas anders sein könnte. „Bei mir merkt man es nicht“, sagt sie. „Ich habe gelernt, wie ich mich als öffentliche Person verhalten muss.“ In mühevoller Arbeit hat sie andere beobachtet, hat sich Verhaltensweisen antrainiert. Ihr Autismus ist deswegen nicht verschwunden, aber er ist für Außenstehende nicht erkennbar. Zumindest nicht auf Anhieb. Ihre Freunde, sagt sie, wissen schon, wann sie ihre Rolle spielt und wann sie sich so benimmt, wie ihr gerade wirklich danach ist.

Unter Freunden geht es auch leichter, einfach einmal wegzugehen, wenn es zu viel wird. Wenn man Ruhe braucht. Auch hier hat sie sich aber Tricks zurechtgelegt. Rauchen, zum Beispiel. Mit der Zigarette ein paar Minuten vor die Tür zu gehen macht sich eben besser, als zu sagen: „Ich halte es nicht mehr aus, ich muss hier weg.“

Es sind Situationen wie diese, die für Autisten schwieriger sind als für neurotypische Menschen. Neurotypisch, das ist der Begriff für Nichtautisten. Das, was umgangssprachlich als normal bezeichnet wird. Doch abnormal fühlen sich Autisten nicht. Sie sehen sich als Menschen, denen manche Dinge eben schwerer fallen. Manche dafür umso leichter.

Denise Linke sucht einen Vergleich aus dem Bereich der Technik. „Neurotypische sind wie ein Nokia 3110. Man kann damit telefonieren, SMS schreiben, der Akku hält lange, es hält viel aus.“ Im Gegensatz dazu ähnle ein Autist einem Smartphone. „Es kann mehr, aber es wird schneller kaputt, wird immer langsamer, wenn es mehrere Dinge gleichzeitig tun muss, und der Akku wird schneller leer.“ Auf sie umgelegt bedeutet das etwa: „Ich brauche mehr Schlaf.“ Und wenn zu viel auf einmal auf sie einprasselt, muss sie in den Pausenmodus gehen.

Was das Arbeitsleben für Autisten nicht einfacher macht. Ein Nine-to-five-Job lässt sich häufig nicht machen. Auch die Arbeitssituation kann unglaublich anstrengend sein – ein Großraumbüro hält etwa unzählige Dinge bereit, die neurotypische Menschen in der Regel ausblenden können, die Autisten dagegen alle mitbekommen und nicht verarbeiten können. Das alles hat aber nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. „Die intellektuelle Entwicklung geht bei Autisten schneller“, sagt Linke, „die emotionale dafür langsamer.“

Was man schon in der Schule merke, wo Autisten in manchen Fächern zum Teil überdurchschnittliche Leistungen bringen. Aber Vorsicht, Klischeefalle: Das Bild von Autisten in der Öffentlichkeit transportiert auch so manchen Mythos. Dass alle Autisten etwa gut mit Zahlen umgehen können. Was zwar durchaus der Fall sein kann, aber eben nicht muss. Hier trägt unter anderem der Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman eine gewisse Mitschuld. Durch ihn sind viele Menschen erstmals überhaupt mit dem Begriff Autismus in Berührung gekommen. Allein – das Vorbild für die Rolle war gar kein Autist, sagt Linke. Sondern ein Savant, ein Mensch mit einer Inselbegabung – und bei Weitem nicht repräsentativ für Autisten. Zwar sind etwa die Hälfte der Menschen mit Inselbegabung Autisten, umgekehrt ist aber nur ein kleiner Teil der Autisten inselbegabt.

Ihre Schulzeit war ein Auf und Ab. Die Intelligenz war da, doch im Unterricht klappte es nie so wirklich. Unterforderung auf der einen, Überforderung auf der anderen Seite. Ein Klassenraum mit 30 Kindern. Ständige Reizüberflutung. Probleme mit der Konzentration. Dann war da noch das Mobbing durch ihre Mitschüler. Und das, sagt Linke, sei nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel: „Praktisch kein Autist wird in einer normalen Schule nicht fertiggemacht.“ Erst nach dem Wechsel in eine integrative Gesamtschule ging es besser.

Schlagartig galt sie nicht mehr als seltsam, wurde darauf geachtet, dass sie in mancher Hinsicht eben anders war. Dass ihr der Augenkontakt mit Lehrern schwerfiel, spielte keine Rolle mehr. Wenn ihr bei einer Klausur die Geräusche der Umgebung zu sehr in den Ohren dröhnten, durfte sie in einem Nebenzimmer allein weiterschreiben. Irgendwann hatte sie die Schule hinter sich gebracht, das Abitur bestanden. Aber würde sie das befähigen, draußen in der Welt zu bestehen? Offenbar, denn einige Jahre später hatte sie auch ein Studium absolviert. Ohne dabei Menschen kennenzulernen, zugegeben, ohne mit jemandem zu reden, wie sie sagt. Aber absolviert ist absolviert.

Autisten leiden nicht. Was ihr wehtut, sagt sie, ist die Stigmatisierung in der Öffentlichkeit – dass Autisten so häufig in der Opferrolle gezeigt werden. Vor allem Medien prägen ein solches Bild des Autismus. Etwa dadurch, dass Artikel dazu mit einem schreienden Kind in dunkler Umgebung illustriert werden. Dadurch, dass Autismus als Metapher eingesetzt wird, die etwas Negatives ausdrücken soll. Wenn etwa ein Kunstwerk oder ein Verhalten damit beschrieben wird. Und nicht zuletzt auch durch die Wortwahl – wenn etwa geschrieben wird, dass jemand an Autismus leidet. „Nein, man leidet nicht daran“, sagt Linke. „Man ist einfach Autist.“ Und das auch gar nicht ungern.

Das ist auch ein Punkt, an dem viele Autisten heute angelangt sind. Bei einem Umgang mit dem Autismus, der auch von einem gewissen Selbstbewusstsein geprägt ist. So wie Frauen, so wie Homosexuelle aufgestanden sind, um ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtzurücken, regt sich nun auch unter Autisten das Bedürfnis, ein positives Bild in der Öffentlichkeit zu bekommen. „Ich wünsche mir, dass uns zugehört wird. Dass unser Bild nicht nur von Ärzten und Eltern bestimmt wird, die unsere Defizite aufzählen.“

Es gehe darum, dass man keineswegs unglücklich ist, dass man ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft sein will. Und es zwar manche Eigenschaften gibt, die Autisten von der Mehrzahl der Menschen unterscheiden. Doch dass man sich deswegen nicht schlechter fühlt. Im Gegenteil, dass man den Autismus als Teil der eigenen Identität betrachtet. „Es braucht so etwas wie die Pride-Bewegung, nur eben für Autisten.“

Eine solche Welle, das Aufbegehren einer ganzen Gruppe, ist noch nicht in Sicht. Doch es gibt erste Versuche, den Autismus aus dem gesellschaftlichen Abseits zu holen. Mit einer eigenen Zeitschrift, zum Beispiel „N#mmer“, einem Magazin für Menschen mit Autismus und ADHS. Denise Linke sammelte 20.000 Euro, um das Projekt starten zu können. Sie brachte 2014 die erste Ausgabe heraus. Es ist ein Magazin, das die Grenzen zwischen Autisten und neurotypischen Menschen abbauen und ein Bewusstsein dafür schaffen soll, dass Autisten, bei allen Problemen, die sie auch haben, sehr glückliche Menschen sein können.

Der Autismus ist demnach einfach nur ein Aspekt der eigenen Persönlichkeit. So wie etwa Schwule ihre Sexualität als einen Teil von sich verstehen, kann es auch für Autisten ein ganz selbstverständlicher Teil der eigenen Identität sein. Denise Linke hat das für sich selbst schon herausgefunden: „Ich bin glücklich, Autistin zu sein. Und würde das für nichts auf der Welt auch nur eine Sekunde lang aufgeben.“

Lexikon

Daten & Fakten

Autismus ist eine angeborene schwerwiegende Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung. Er kann in unterschiedlichen Ausprägungen vorliegen, am häufigsten sind der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) und das Asperger-Syndrom.

Autisten weisen Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie stereotype Verhaltensweisen und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz auf.
Häufigkeit: Derzeit gehen Schätzungen davon aus, dass etwa 0,4 bis ein Prozent der Bevölkerung von Autismus betroffen sind. Doch gibt es, je nach Definition, auch größere Schwankungen.

Hilfe für betroffene Eltern gibt es unter anderem im Autistenzentrum Arche Noah (www.autismus.at). Das Sozialunternehmen Specialisterne (at.specialisterne.com) vermittelt Menschen mit Autismus auf den Arbeitsmarkt. Weitere Infos bietet die Österreichische Autistenhilfe (www.autistenhilfe.at).

(c) Berlin Verlag

Buchtipp

Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut. Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS. Berlin Verlag; 20,60 Euro

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2015)

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