"Bevor ich jetzt gehe": Schreiben bis zum Tod

Der US-amerikanische Neurochirurg Paul Kalanithi starb mit 35 Jahren an einem aggressiven Lungenkrebs. Sein Sterbemonolog wurde zum Bestseller. Dass Menschen so offen über ihre Krankheit und den nahen Tod schreiben, ist ein relativ junges Phänomen.

Letzte Tage. Paul Kalanithi mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Elizabeth Acadia, kurz Cady. Die Tochter kam acht Monate vor Pauls Tod im selben Krankenhaus zur Welt, in dem ihr Vater schließlich starb.
Letzte Tage. Paul Kalanithi mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Elizabeth Acadia, kurz Cady. Die Tochter kam acht Monate vor Pauls Tod im selben Krankenhaus zur Welt, in dem ihr Vater schließlich starb.
Letzte Tage. Paul Kalanithi mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Elizabeth Acadia, kurz Cady. Die Tochter kam acht Monate vor Pauls Tod im selben Krankenhaus zur Welt, in dem ihr Vater schließlich starb. – (c) Beigestellt

Er war überarbeitet, abgemagert und litt permanent unter starken Rückenschmerzen. Paul Kalanithi befand sich im letzten Jahr seiner Fachausbildung zum Neurochirurgen in Stanford. Pausen waren da nicht vorgesehen. Dafür aber 36-Stunden-Schichten im OP. Kurz vor einer New-York-Reise schob er doch noch einige Arzttermine ein, um verbreitete Krebsarten bei jungen Menschen auszuschließen. Kurz nach seiner Rückkehr kontaktierte ihn seine Hausärztin, weil sie beunruhigende Schatten auf seiner Lunge entdeckt hatte. „Sie sagt, sie sei sich nicht sicher, was das zu bedeuten hätte. Aber sie wusste es ganz genau. Und ich wusste es auch.“

Als er sich später durch die Computertomografie-Scans klickte, bekam er die Bestätigung. „In den vergangenen sechs Jahren hatte ich eine Menge solcher Scans begutachtet [. . .] Aber dieser Scan war anders, es war mein eigener.“ Paul Kalanithi erfährt nicht nur mit 35 Jahren von seiner Lungenkrebserkrankung, er erlebt in rasantem Tempo die Metamorphose vom Arzt zum Patienten. Weil er als junger Mensch Schriftsteller werden wollte, aber doch den beruflichen Spuren seines indischen Vaters gefolgt war, stand für ihn rasch fest, dass er nun, da er seinen Arztkittel ablegen musste, mit dem Schreiben beginnen werde.

Die Aufzeichnungen über seine beiden letzten Lebensjahre sind im Jänner auf Englisch und nun auf Deutsch („Bevor ich jetzt gehe“) erschienen. Dass das Buch wochenlang Nummer-eins-Bestseller war, hat auch Kalanithis Ehefrau, Lucy, überrascht, die den Text herausgab und mit einem Nachwort ergänzte.
Ein bisschen erklären lässt sich der Erfolg freilich schon: Kalanithis Geschichte ist nicht nur die eines sehr jungen Menschen, der mitten aus dem Leben gerissen wird, sondern auch die eines sehr engagierten Arztes und Jungvaters. Nur acht Monate vor Kalanithis Tod im März 2015 wurde nämlich seine Tochter Cady geboren. Und dass es dieses junge Wesen gibt, war alles andere als selbstverständlich. Denn die Ehe von Paul und Lucy befand sich kurz vor der Krebsdiagnose in einer ernsten Krise. Schuld daran war nicht nur sein Arbeitspensum, sondern auch die Tatsache, dass er die Sorgen über seinen sich offensichtlich verschlechternden Gesundheitszustand nicht mit seiner Frau teilen wollte. Doch die Krankheit brachte die beiden wieder zusammen.

Schlingensief und Herrndorf. Der Erfolg von Kalanithis Aufzeichnungen wirft ein Licht auf ein ganzes Genre der Krebs- und Krankheitsliteratur, die in den vergangenen 25 Jahren sehr gewachsen ist. Meist sind es berühmte Persönlichkeiten, wie der 2010 verstorbene Theaterprovokateur Christoph Schlingensief oder Autoren wie der gefeierte, 2013 verstorbene Wolfgang Herrndorf, die ihren Umgang mit der Krankheit und dem herannahenden Tod niederschreiben. Wobei sie das nicht immer mit der Absicht tun, das Geschriebene zu veröffentlichen.

Noch häufiger schreiben Angehörigen über das Leiden und Sterben enger Familienmitglieder. Eine der Ersten, die sich dem Abschied eines Vertrauten widmete, war vermutlich Simone de Beauvoir mit ihrem fünften Memoirenband „Zeremonie des Abschieds“ (1981), in dem sie die Krankheit von Jean-Paul Sartre schilderte. Joan Didion berichtete 2005 in „The Year of Magical Thinking“ vom plötzlichen Tod ihres Mannes John Dunne. David Rieff schrieb in „Tod einer Untröstlichen“ über die Krebskrankheit seiner Mutter, Susan Sontag, Kabarettist Werner Schneyder in „Krebs“ schonungslos über den Verfall seiner an Blasenkrebs erkrankten Frau, was ihm auch viel Kritik von engen Bekannten einbrachte.

Die meisten dieser Krankheitsgeschichten haben eines gemeinsam: Sie sind tieftraurig, aber zuversichtlich. Sie geben den Gesunden meist die immer selbe Botschaft mit: Genieß dein Leben. Verlier dich nicht in den Sorgen des Alltags. Du weißt nie, wann es vorbei ist. Es ist schwer, Texte wie diese zu schreiben, ohne in zu viel Pathos und Kitsch zu verfallen. Paul Kalanithi ist das auch gelungen, weil er viel mehr über seinen Alltag als Arzt schreibt als über die Krankheit an sich. Er wollte keine Tränen auslösen, sondern dem Leser sagen, dass es wichtig ist, dem Leben ausreichend Sinn zu geben. Besser früher als später.

Das Buch

„Bevor ich jetzt gehe“ von Paul Kalanithi (Knaus Verlag, übersetzt von Gaby Wurster). Das englische Original „When Breath Becomes Air“(Random House) brach in den USA alle Rekorde.

Paul Kalanithi, *April 1977, † 9. März 2015, Neurochirurg, Autor. Er starb mit 37 Jahren während der Arbeit an dem Buch und hinterlässt seine Frau Lucy und ihre gemeinsame Tochter Elizabeth Acadia.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2016)

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