Verlängert Osteoporose-Therapie gar das Leben?

Es gibt Hinweise, dass Menschen, die Bisphosphonate nehmen, länger leben. Im kommenden Jahr kommt ein neues Osteoporose-Medikament auf den Markt, das den Knochenabbau ganz gezielt hemmt.

Knochen mit Osteoporose
Knochen mit Osteoporose
(c) APA (MDS)

Es zahlt sich aus, Osteoporose zu behandeln. Denn ein rechtzeitiges Bekämpfen des Knochenschwunds verlängert sogar das Leben! Das ist die ermutigende Nachricht vom weltweit größten Osteoporose-Kongress, der vor einigen Wochen in Denver im amerikanischen Bundesstaat Colorado abgehalten wurde. Mehr als 5000 Knochenexperten diskutierten die neuesten Methoden, um schwache Knochen zu stärken. Ein Schwerpunkt dieser 31. Jahrestagung der „American Society for Bone and Mineral Research“ (ASBMR) war ein Jubiläum: 40 Jahre Osteoporose-Therapie mit Bisphosphonaten.

„Es gibt Hinweise, dass Menschen, die Bisphosphonate gegen den Knochenschwund nehmen, länger leben“, berichtet Kongressteilnehmer Univ.-Prof. Dr. Heinrich Resch vom Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien. „Obwohl die genauen Mechanismen noch nicht geklärt sind.“

So zeigten Studien aus Schweden und Australien, dass Patienten, die nach einer Hüftfraktur eine Bisphosphonat-Infusion bekamen, später starben, unabhängig von weiteren Brüchen. „Bei dem ,Supergau der Osteoporose', einem Bruch der Hüfte, bewegen sich Betroffene weniger, sie vergreisen schneller, leiden häufiger an internistischen Begleiterkrankungen wie Thrombose, Lungenentzündungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Infektionen“, meint Dr. Christian Muschitz, Oberarzt am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern. Er empfiehlt, sechs bis acht Wochen nach einem Bruch mit der Therapie zu beginnen.

 

Auch Anti-Krebs-Wirkung?

Als weiterer Hinweis auf die lebensverlängernde Wirkung der Osteoporose-Behandlung wurde bei dem amerikanischen Kongress eine österreichische Studie unter der Leitung des Wiener Krebs-Chirurgen Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant lobend erwähnt, die im Februar im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Demnach hatte die zusätzliche Gabe von Bisphosphonaten bei 1800 Frauen mit Brustkrebs, die mit Antihormontherapie behandelt wurden, das Fortschreiten der Erkrankung um mehr als ein Drittel verringert. Die Häufigkeit eines neuerlichen Auftretens des Karzinoms halbierte sich sogar. Das Knochenmedikament scheint eine zusätzliche Anti-Tumor-Wirkung zu haben.

„Bisphosphonate wirken, weil sie sich im Knochen anlagern und so die Osteoklasten inaktivieren“, erklärt Heinrich Resch. Die Substanz ist nicht steuerbar, die Bisphosphonate bleiben über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte im Körper.

 

Neuer Knochen wird gebildet

Im kommenden Jahr kommtein weiteres Osteoporose-Medikament auf den Markt, das diese Nachteile nicht hat: Es ist der monoklonale Antikörper Denosumab, ein menschliches Protein, das den Knochenabbau ganz gezielt hemmt.

Knochen ist keine tote Masse, sondern lebendes Gewebe, das ständig auf- und wieder abgebaut wird. Die knochenaufbauenden Zellen, die Osteoblasten, nehmen Kalzium aus dem Blut auf und binden es im Knochengewebe. Die knochenabbauenden Zellen, die Osteoklasten, verhindern überschießendes Knochenwachstum und bauen alte Knochensubstanz ab. Der österreichische Molekularbiologe Univ.-Prof. Dr. Josef Penninger hat Mitte der Neunzigerjahre in Kanada das zentrale Schlüsselgen entdeckt, das den Knochenschwund auslöst. Die neue Substanz hemmt ganz gezielt die verhängnisvolle Funktion dieses Gens auf die Osteoklasten. So wird der Knochenabbau gestoppt, neuer Knochen kann sich bilden.

 

Ohne Nebenwirkungen

Heinrich Resch und sein Team nahmen an der internationalen Zulassungsstudie teil, die im Sommer im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Fast 8000 Osteoporose-Patientinnen nach der Menopause waren involviert. Im Vergleich zum Scheinmedikament verringerte der Antikörper die Häufigkeit von Wirbeleinbrüchen um 68 Prozent und das Auftreten von Hüftfrakturen um 40 Prozent, und das ohne Nebenwirkungen. Die biologische Spritze ist demnach ähnlich gut wirksam wie die jährliche Infusion mit Bisphosphonaten, heißt es in einem Kommentar in der Zeitschrift.

Ein weiterer Vorteil ist die Verabreichung des neuen Präparats: Es wird zweimal im Jahr unter die Haut gespritzt. Die knochenfördernde Wirkung ist sehr gut steuerbar. Setzt man die Spritze ab, hört der Knochen wieder auf zu wachsen.

 

Leider wenig Interesse

Der Hersteller Amgen erwartet jetzt eine Zulassung für Frühling oder Sommer nächsten Jahres. Interessant wird die Preisgestaltung der amerikanischen Firma für das sehr aufwendig hergestellte Biotech-Produkt sein, in dem 15 Jahre Forschung stecken und das in Konkurrenz mit den sehr günstigen Bisphosphonaten angeboten werden wird. Für die weltweite Vermarktung des Antikörpers hat Amgen mit dem Pharmariesen Glaxo Smith Kline eine Kooperation abgeschlossen.

Übrigens: Kaum thematisiert wurden bei dem amerikanischen Kongress nicht medikamentöse Ansätze, den krankhaften Knochenschwund aufzuhalten oder diesem vorzubeugen, wie regelmäßige Bewegung und kalziumreiche Ernährung. Dafür besteht anscheinend bei Pharmafirmen, Ärzten und Patienten wenig Interesse.

OSTEOPOROSE-TAG

Der 8. Wiener Osteoporose-Tag findet am 4. November im Rathaus statt (10. bis 19 Uhr; Eintritt frei, alle Gesundheitsangebote kostenlos).

Geboten wird eine Fülle an Informationen. Sie gibt es bei Fragestunden mit Experten sowie im Rahmen von zahlreichen Vorträgen. Der Themenbogen spannt sich von „Kennen Sie Ihr Knochenbruchrisiko?“ über „Im Überfluss mangelernährt“ bis „Therapie nach Maß“.

Zusätzlich gibt es Quiz, Schnupperseminare, 3-D-Wirbelsäulenvermessung, Vibrationstraining, kyBounder-Trainingsmatte. Knochendichtemessung, Wirbelsäulenschule, Orthopädieberatung und vieles andere mehr.

Infos: ? 01/545 38 10.

www.osteoporosetag.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2009)

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