Was brennt da in der Brust?

Die Speiseröhre ist funktionell gesehen ein Gehirnfortsatz und gilt als Spiegel der Seele. Stress und ein Mangel an Zuwendung können Sodbrennen auslösen.

Rückfließende Magensäure verursacht Sodbrennen. Auch seelischer Stress kann dabei eine große Rolle spielen.
Rückfließende Magensäure verursacht Sodbrennen. Auch seelischer Stress kann dabei eine große Rolle spielen.
Rückfließende Magensäure verursacht Sodbrennen. Auch seelischer Stress kann dabei eine große Rolle spielen. – Alix Minde / picturedesk.com

Martin F., 41, IT-Techniker in einem großen Unternehmen, klagt seit etwa zehn Monaten über Sodbrennen. Sein Vorgesetzter, erzählt er beim ersten Arztbesuch, setze ihn massiv unter Stress. Der 33-jährige Bankangestellte Martin Z. leidet schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder an Sodbrennen. Er hat große Angst, seinen Job und seine Lebensgefährtin zu verlieren. Das setzt ihn unter Druck. Beiden Männern gemein ist stressbedingtes Sodbrennen.

Viel öfter nämlich, als man glauben möchte, ist Stress Ursache dieses Leidens. „Aber auch Sorgen, ein Mangel an Zuwendung, an Liebe und Respekt können Auslöser für Sodbrennen sein. Auf diese Unzufriedenheit und Dauerenttäuschung reagiert die Speiseröhre sehr empfindlich“, weiß Martin Riegler, Refluxspezialist und Chirurg.

Rasante Zunahme

Die Anzahl der Patienten mit Reflux (Rückfluss, in dem Fall von Magensäure in die Speiseröhre) habe seit Beginn der 1990er-Jahre weltweit rasant zugenommen, fast jeder zweite erwachsene Österreicher hat das Brennen in der Brust schon einmal erlebt. Ursachen für die enorme Zunahme der Krankheit sind die dramatisch geänderten Ernährungsgewohnheiten, der zunehmende Bewegungsmangel sowie die Dauerbelastung in Form von negativem Stress. „Die Speiseröhre ist funktionell gesehen ein Gehirnfortsatz und kann als Spiegel der Seele gesehen werden“, sagt Riegler. Die beste Operation, die besten Medikamente, so Riegler, brächten langfristig nicht den erwünschten Erfolg, wenn man bei stressbedingtem Sodbrennen nicht auch die seelische Seite berücksichtige. „Es ist Aufgabe eines verantwortungsvollen Arztes, schon beim Erstgespräch mit dem Patienten das Vorhandensein möglicher psychologischer Hintergründe der Refluxbeschwerden auszuloten“, schreibt Riegler in dem soeben erschienenen Buch „Wenn Stress sauer aufstößt“, das er gemeinsam mit zwei Ko-Autorinnen verfasst hat.

Seelischer Stress schadet der Speiseröhre auf mehrfache Weise. Er kann direkt einen vermehrten Reflux verursachen, indem er das Anti-Reflux-Ventil, das eben diesen Rückfluss verhindern soll, schwächt. Stress kann aber auch dazu führen, dass ein normales Maß an Reflux intensiver gespürt wird – das heißt, der Säurerückfluss ist ganz normal, aber der Betroffene hat Sodbrennen. Es geht aber auch umgekehrt: Wird die Speiseröhre durch den Reflux ständig gereizt, kann das Gehirn dermaßen stimuliert werden, dass sich zum Sodbrennen noch Übelkeit, depressive Verstimmung und Müdigkeit bis hin zu Kopfschmerzen gesellen.

Speck statt Bananen

Seelischer Druck lässt viele Menschen aber auch vermehrt zu Süßigkeiten greifen – man will sich mit Schokolade und Co. belohnen oder beruhigen. Konzentrierter Zucker aber ist ein enormer Säurelocker. „Er ist bei starkem Sodbrennen sowieso gänzlich zu meiden, also keine Torte, keine Schokolade, aber auch keinen künstlichen Süßstoff“, sagt Riegler. Über 90 Prozent aller gängigen Nahrungsmittel enthalten konzentrierten Zucker, eine ganz wichtige Quelle dafür sind sogenannte Keimlinge. Dazu zählen alle (verarbeiteten) Getreidesorten sowie Sonnenblumen und Leinsamen, aber auch Soja, Zwiebel, Erdäpfel, Karotten. Konzentrierter Zucker entzieht dem Körper beim Verdauungsvorgang Energie und schafft ein günstiges Milieu für etliche Leiden, darunter auch die Refluxkrankheit.

Ein im Buch näher beschriebenes Anti-Reflux-Ernährungskonzept mit „Ampeldiät“ wird manchen überraschen. So sollen auch Maroni, Stevia, Bananen oder Kürbis, ja sogar Joghurt und Avocado zu Reflux führen können, während etwa Speck und Geselchtes ohne Zucker oder Pfefferoni Sodbrennen vorbeugen können. Ein weiterer Ernährungstipp aus dem Buch: Nie hungern! „Stündlich eine Kleinigkeit essen, vielleicht einen halben Apfel oder ein paar Scheiben von einer Salatgurke oder zwei Radieschen.“ Mit Völlerei hat das nichts zu tun, sie ist sogar eher kontraproduktiv: Auch Übergewicht fördert Reflux. Falsche Ernährung sowieso. Fast Food und Cola bringen immer mehr junge Menschen mit Sodbrennen in seine Ordination, so Riegler.

Schwerpunkt des Buchs aber ist die psychische Seite von Refluxleiden. Ko-Autorin Petra Fuss: „Reflux ist oft ein Hilfeschrei von Seele und Körper.“ Die klinische Psychologin und Ernährungstrainerin kennt viele Betroffene, bei denen der (oft selbst gemachte) Druck, ständig erreichbar sein zu müssen, zu Sodbrennen geführt hat.

„Diese Menschen haben oft den Kontakt zu sich selbst verloren, sie spüren sich selbst nicht mehr. Und irgendwann schreit die Speiseröhre um Hilfe.“ Ein Therapieziel ist es also, dass man wieder lernt, bewusst auf den eigenen Körper und seine Bedürfnisse zu hören. Dass man wieder mehr Ruhe in den Alltag einkehren lässt und nicht auch noch die Freizeit zur Stressfalle wird. „Auch richtiges Atmen ist sehr wichtig.“ Doch in der Hektik des Alltags atmen sehr viele falsch (zu schnell, zu flach) – auch das kann Reflux verstärken. Atemübungen und Achtsamkeitstraining sowie diverse Entspannungstechniken sind da probate Mittel gegen Stress und Sodbrennen.

RATGEBER

„Wenn Stress sauer aufstößt. Der Weg zu einer gesunden Speiseröhre“: In dem Buch werden die Zusammenhänge von Speiseröhre und Seele, Sodbrennen und Denken erörtert.

Die Autoren: Martin Riegler (Refluxspezialist und Chirurg), Petra Fuss (klinische Psychologin und Ernährungstrainerin), Karin Hönig Kommunikationsberaterin).

Maudrich-Verlag, 166 Seiten, 19,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2018)

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