Genusslandkarte im Gehirn

Essen und Sex machen evolutionsbedingt Spaß, weil sie Arterhaltung und Überleben dienen. Um den Genuss dreht sich das aktuelle Medicinicum Lech.

Die Vorliebe für Süßes wird bereits im Mutterleib geprägt. Auch Folgemilch trägt dazu bei.
Die Vorliebe für Süßes wird bereits im Mutterleib geprägt. Auch Folgemilch trägt dazu bei.
Die Vorliebe für Süßes wird bereits im Mutterleib geprägt. Auch Folgemilch trägt dazu bei. – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Genuss wurde nicht zur Lustgewinnung geschaffen. Die Evolution hatte damit viel Wichtigeres vor: Erhaltung der Art, Überleben. Und deswegen machen Sex und Essen Spaß – beides verbindet das Gehirn mit einem Belohnungsmechanismus.

Auch wenn Sexualität und Nahrungsaufnahme längst von ihren evolutionären Zielen abgekoppelt sind, geblieben ist so etwas wie eine hedonistische Landkarte in unseren Gehirnen, die viel mit Genussempfinden zu tun hat. Sie befindet sich unter anderem im Mittelhirn, in der Substantia nigra, im Großhirn; aber auch im „Außenposten“ unseres Denkorgans ist ein Teil dieser Genusslandkarte angesiedelt: im Bulbus olfactorius, einem vorgestülpten Teil des Gehirns, der der Geruchswahrnehmung dient.

„Riechen war früher der erste Schritt zur Lustgewinnung, das ist zwar heute nicht mehr so ausgeprägt, aber noch immer von großer Bedeutung“, sagt der bekannte Hormonexperte Johannes Huber. Er wird demnächst beim Medicinicum Lech im Juli über „Genuss und Gehirn“ referieren. Es mehren sich die Hinweise, so Huber, dass Menschen über das Riechen das Immunsystem eines anderen, vor allem eines potenziellen Geschlechtspartners, erahnen können. Das hat auch mit Pheromonen zu tun, Botenstoffen, die wir abgeben und über die wir mit Artgenossen auf gewisse Weise nonverbal kommunizieren.

Körpergeruch und Pheromone eines Mitmenschen verraten uns also, ob dessen Immunsystem zu einem selbst passt. Je unterschiedlicher, desto besser. „Wenn man also jemanden sehr gut riechen kann, wenn einem jemand sehr sympathisch ist, wird er wohl mit einem sehr unterschiedlichen Immunsystem ausgestattet sein“, sagt Huber und beurteilt die heute weit verbreitete Rasur der Schambehaarung unter dem Genussaspekt. „Damit greift man in ein Kommunikationssystem ein und nimmt sich einen Genuss. Denn Haare verstärken den erotischen, durchaus aphrodisierenden Duft aus dem Genitalbereich.“

Den Genuss beim Sex stärken auch noch etliche Hormone, die während des Geschlechtsakts im Hirn freigesetzt werden – vom Kuschelhormon Oxytocin über das Glückshormon Dopamin bis zum Stresshormon Noradrenalin. Letzteres macht beim Geschlechtsverkehr aber keinen Stress, sondern fördert ekstatische Gefühle.

Dazu gibt es nun eine ganz neue Erkenntnis, die Huber beim Medicinicum Lech erstmals öffentlich vorstellen wird. „Neben der Menopause existiert auch die noradrigene Pause. Das heißt, dass in reiferen Jahren das Noradrenalin zu schnell abgebaut wird, also zu wenig davon vorhanden ist. Damit nimmt die Libido ab, und die Genussschiene im Hirn wird kleiner.“ Zudem störe der Noradrenalin-Mangel eine Umwandlung des weißen in braunes Fett – mit gewichtigen Folgen: ein Fettgürtel um die Taille („Schwimmreifen“) entsteht oder wird bei etwaigem Vorhandensein noch größer.

Verarmter Geschmackssinn. Reduziert hat sich hingegen in weiten Teilen der Geschmackssinn, mitunter ist er sogar verarmt. Die geschmackliche Prägung beginnt dabei schon im Mutterleib. Wenn die Schwangere viel nascht, wird das Kind später mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Vorliebe für Süßes haben. Das passiert aber auch, wenn dem Baby statt Muttermilch industriell hergestellte Folgemilch gegeben wird. „Die ist meist mit Zucker und künstlichen Aromastoffen versehen. Damit wird die Präferenz für Süßes um ein Vielfaches verstärkt“, warnt die Ernährungsberaterin Ulli Zika. Muttermilch habe diesen Nachteil nicht, „und je abwechslungsreicher sich eine stillende Mutter ernährt, desto größer wird die Bereitschaft zur abwechslungsreichen Ernährung beim Kind dann sein. Folgemilch hingegen ist immer gleich und kann so auch die Geschmacksvielfalt beim Baby und späteren Kind und Erwachsenen einschränken.“ Weniger Geschmacksvielfalt bedeutet weniger Genuss.

Geschmacks- und Genusstöter sind freilich auch unreif geerntete Früchte und Gemüse sowie hastiges Essen oder Nebenbei-Essen, das sich in unserer High-Speed-Gesellschaft viele Menschen angewöhnt haben. Zika: „Wenn man sich einmal Zeit nimmt und auf das Essen konzentriert, wird man vielleicht überrascht sein, was man da alles schmecken kann. Das gelingt freilich nicht beim ersten Mal, man muss es üben.“ Die Rückeroberung des Geschmackssinns braucht eben Zeit. Üben im Sinne von Geschmackserweiterung kann man auch mit Kindern. Zikas Vorschlag: Kinder sollen während des Essens erzählen, was sie konkret schmecken, jeder rät, was so alles in der Speise enthalten ist.

Und wenn das Kind partout keinen Spinat, kein Gemüse mag: „Nicht gleich beim ersten Mal aufgeben, schon vier, fünf Mal immer wieder probieren. Mitunter schmeckt dann plötzlich etwas, das das Kind zuerst abgelehnt hat“, rät Literaturwissenschaftlerin und Hobbyköchin Jasmin Parapatits. Sie spricht beim Medicinicum Lech über aphrodisische Nahrung und ihre Wirkung.

Pomme d'Amour.„Freilich ist das auch viel Interpretations- und Glaubenssache“, sagt die Autorin des Buchs „Eine Portion Liebe – Kulinarische und literarische Verführungen“. Und fügt hinzu: „Chili regt die Durchblutung an und öffnet die Poren, wodurch die Haut sensibler für Berührung wird.“ Sellerie wiederum enthalte das Pheromon Adrostenol, das auch im Männerschweiß vorkommt und laut mehrerer Studien direkt auf das weibliche Gehirn wirkt.

„Pomme d'Amour“ nannten die Franzosen die Paradeiser. Was vielleicht damit zu tun hat, dass einer ihrer Inhaltsstoffe den Serotoningehalt ankurbelt und Laune und Lust hebt. Man muss gar nicht felsenfest davon überzeugt sein, es reicht schon, wenn man sich darauf einlässt und – genießt.

KONGRESS

Das Medicinicum Lech findet vom
5. bis 8. Juli statt. Experten aus unterschiedlichen Disziplinen werden das Generalthema „Genuss – Sucht – Gesundheit“ von verschiedenen Seiten beleuchten.

Mehr Infos zum Kongress in Lech unter: +43/(0)5/583/21 61-241 und www.medicinicum.at

Buchtipp: In „Eine Portion Liebe. Kulinarische und literarische Verführungen“ veröffentlicht Medicinicum-Referentin Jasmin Parapatits eine Liste an potenziell luststeigernden Lebensmitteln inklusive Rezepten.

Maudrich-Verlag, 176 Seiten, 23,60 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)

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