Masern: Wien gegen Impfpflicht und Sanktionen

Nach den Masernfällen in der Steiermark gibt es keine neuen Verdachtsfälle bei Säuglingen im LKH Graz. Die steirische ÖVP und SPÖ appelliert an den Bund, die Masern-Impfung im Mutter-Kind-Pass zu verankern. SPÖ-Chefin Rendi-Wagner will Impfungen in der Apotheke möglich machen.

Hinweise am Eingang der Kinderklinik des LKH Graz
Hinweise am Eingang der Kinderklinik des LKH Graz
Hinweise am Eingang der Kinderklinik des LKH Graz – APA/ERWIN SCHERIAU

Nach den ersten Masern-Fällen in der Steiermark ist die Debatte um eine Durchimpfungsrate und etwaige Impfpflicht wieder aufgeflammt. Die Stadt Wien hat sich, genauso wie die Gesundheitsministerin Hartinger-Klein (FPÖ) am Mittwoch, gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Die steirischen Regierungsparteien ÖVP und SPÖ sprachen sich für eine Verankerung der Impfung im Mutter-Kind-Pass aus. Mediziner plädieren für mehr Aufklärung und mitunter Kürzungen von Leistungen für Impfgegner.

Das LKH Graz hat indes vorerst keine neuen Verdachtsfälle bei Säuglingen verzeichnet. Jene fünf, die am Mittwoch in die Kinderklinik bestellt worden waren, sind therapiert und dürfen wieder nach Hause.

Rendi-Wagner: Impfen in Apotheken

Auch die SPÖ-Parteivorsitzende und Medizinerin Pamela Rendi-Wagner meldete sich zu Wort: "Wenn die Impfquote in der Bevölkerung hoch genug ist, schützen wir auch jene, die ohne Schutz sind, weil sie nicht geimpft werden können, wie z.B. Babys", sagte Wagner. Um den Zugang zu Impfungen zu erleichtern, solle es die Möglichkeit geben, dass sich die Menschen auch in der Apotheke impfen lassen. Das Impfen in Schulen solle ebenfalls forciert werden.

Rendi-Wagner erinnerte auch an die Vorteile des elektronischen Impfpass, der auch mit einer Erinnerungsfunktion ausgestattet sein soll, damit Auffrischungen nicht mehr vergessen werden können. Dieser virtuelle Impfpass wird ab 2020 in Wien, Niederösterreich und der Steiermark eingeführt. Der Vollbetrieb im gesamten Bundesgebiet ist für 2021 anvisiert.

Wien gegen Impfpflicht und Sanktionen

Ungeachtet der aktuellen Masern-Fälle in Österreich kann sich Wien derzeit keine Impfpflicht bzw. Streichungen von Sozialleistungen wie etwa der Familienbeihilfe bei nicht nachgewiesener Immunisierung vorstellen. "Ich halte nichts von Zwangs- und Strafsystemen", stellte Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) am Donnerstag klar. Stattdessen müsse man bei der Motivation ansetzen.

Derlei Maßnahmen würden die Freiheit des Einzelnen beschneiden. Hacker wünscht sich vielmehr Schritte, welche die Motivation der Bürger zum Impfen bzw. die Zugänglichkeit erhöhen. "Da ist jedenfalls noch Luft nach oben", sagte Hacker - der vorerst allerdings keine konkreten Vorschläge dahingehend deponierte.

Die Wiener NEOS forderten, den Bezug der Familienbeihilfe an den Impfnachweis zu koppeln. Der Wiener Klubchef Christoph Wiederkehr verwies darauf, dass im Jahr 2018 in Österreich insgesamt 77 Masern-Fallmeldungen registriert worden sind - 45 davon in Wien.

Patientenanwältin Sigrid Pilz bekräftigte wiederum ihre Forderung nach eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe und andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Lehrer. Zudem forderte sie die Ärztekammer und das Hebammen-Gremium auf, gegen Impfskeptiker vorzugehen.

Steiermark appelliert an Bund

Die beiden steirischen Klubobleute und Gesundheitssprecher Barbara Riener (ÖVP) und Hannes Schwarz (SPÖ) erklärten am Donnerstag in einer gemeinsamen Aussendung: "Um eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent zu erreichen, müssen wir Maßnahmen setzen. Eine solche wäre die Verankerung im Mutter-Kind-Pass, die allerdings einer bundesgesetzlichen Regelung bedarf. Dazu sollen auch entsprechende parlamentarische Schritte folgen." FPÖ-LAbg. Arnd Meißl erklärte am Donnerstag dazu, eine landesweite Impfkampagne sei notwendiger denn je. Die steirischen Freiheitlichen befassten sich bereits seit Jahren mit der Problematik sinkender Durchimpfungsraten, sagte Meißl laut einer Aussendung.

Der Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ) mahnte: "Die Kleinsten sind auf die Vernunft der Größeren angewiesen." Daher würden seit Mittwoch alle Schulen im Raum Graz von Mitarbeitern der Impfstelle angeschrieben und kurzfristig Impftermine vor Ort organisiert. "Es ist wichtig, dass wir als Stadt Graz rasch, flexibel und koordiniert handeln", so Krotzer. Da Masern eine Inkubationszeit von bis zu 21 Tagen haben, könne nun mit einer raschen Reaktion eine zweite Welle von Infektionen verhindert werden. "Seit Bekanntwerden der Infektion eines Grazer Schülers ist die Impfbereitschaft stark gestiegen", erklärte Eva Winter, Leiterin des Gesundheitsamtes.

Zusätzlich herrsche in der Grazer Impfstelle Vollbetrieb. Erwachsene und Kinder, die noch nicht geimpft sind, oder sich einfach nicht sicher sind, ob sie ausreichenden Impfschutz haben, werden in der Impfstelle beraten und können sich gleich gratis gegen Masern impfen lassen - täglich von 8.00 bis 13.00 Uhr.

Ärtzekammer: Impfstatus kontrollieren

Angesichts der aktuellen Masern-Erkrankungen hat der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK), Thomas Szekeres, Patienten und Ärzte dazu aufgerufen, "regelmäßig ihren Impfstatus kontrollieren und auftretende Impflücken umgehend schließen". Eine Lösung liege nicht in einer generellen Impfpflicht, sondern ärztliche Aufklärung und rationale Beratung sollten im Vordergrund stehen. Damit sollte man dem WHO-Ziel von 95 Prozent Durchimpfungsrate bei Masern endlich wieder näher kommen, hieß es am Donnerstag in einer Aussendung der ÖAK.

Auch der ÖÄK-Präsident kann sich vorstellen, Impfungen an die Auszahlung von Sozialleistungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes zu knüpfen. Für Menschen in den Gesundheitsberufen und für pädagogisches Personal "sollte ein aufrechter Impfstatuts eine Selbstverständlichkeit sein", sagte Szekeres. Hier geht es um die Verpflichtung, schutzbedürftige Menschen nicht in Gefahr zu bringen."

Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferates der Österreichischen Ärztekammer, wünscht sich eine intensive Diskussion über den Nachweis eines aufrechten Impfschutzes bereits vor dem Eintritt in Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Universitäten. In angelsächsischen Ländern sei dies bereits Standard und gestalte sich sehr erfolgreich.

Masernexpertin: Impfpflicht kontraproduktiv

Die Masernspezialistin Heidemarie Holzmann von der Medizinischen Universität sprach sich, genauso wie die Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ), gegen eine Impfpflicht aus. "Druck erzeugt Gegendruck", sagte Holzmann am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal. Es hätten bereits Studien gezeigt, dass Menschen, die sich normalerweise impfen lassen würden, bei einer generellen Impfpflicht sich gegen eine Impfung sträuben. "Das Recht der Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft" würde überwiegen, meint die Expertin.

Sie hält eine Impfpflicht nur für Gesundheitspersonal für sinnvoll, und plädiert für eine "noch bessere Aufklärung" darüber, dass Masern keine harmlose Erkrankung und besonders für Säuglinge tödlich sein könne.

Wichtig hält sie ein ebenfalls ein Erinnerungssystem, das mit dem elektronischen Impfpass eingeführt werden soll.

Leistungskürzungen bei Impfgegnern

Auch Werner Zenz, Experte für Infektionskrankheiten, betonte bei einem Pressegespräch am Mittwoch in Graz, dass die Masern als "hoch ansteckende Krankheit" gelten. Die Ursache liegt in besonders kleinen Tröpfchen, die von infizierten Menschen etwa beim Husten in den Raum ausgestoßen werden und dort wegen ihrer kleinen Größe in der Luft bleiben. Im Schnitt stecke ein Patient zwölf bis 18 andere Personen an.

Der Experte erklärte, dass eine Impfung aus Solidaritätsgründen erfolgen sollte, denn sie schütze auch andere, wie etwa Säuglinge oder immunschwache Menschen, die nicht geimpft werden könnten. Dazu zählen etwa auch Kinder mit Rheuma oder Leukämie. Er meinte, dass Masern bei einer Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent ausgerottet werden könnten.

Maßnahmen, um das zu erreichen, seien bisher Überzeugungsarbeit gewesen, aber der Erfolg setzte nicht ganz ein. Er sprach sich für das australische Modell aus: Dort werden Unterstützungsleistungen gekürzt, wenn Kinder nicht geimpft sind. Die Politik sei nun gefragt.

(red./APA)

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