Was ist noch normal?

2014 maß Künstler Richard Wilhelmer die Stimmung der Wiener. Jetzt zeichnet er mit „Anomalie“ ein „Porträt des Phänomens psychischer Leiden“.

Richard Wilhelmer beim Gespräch im Café Goldegg. In seinem jüngsten Film erforscht er die menschliche Psyche.
Richard Wilhelmer beim Gespräch im Café Goldegg. In seinem jüngsten Film erforscht er die menschliche Psyche.
Richard Wilhelmer beim Gespräch im Café Goldegg. In seinem jüngsten Film erforscht er die menschliche Psyche. – (c) Valerie Voithofer

Am Anfang stand keine Frage nach dem Normalen, sondern eine nach der Realität. Wie werde ich wahrgenommen? Wie nehme ich mein Gegenüber wahr? Und wie weit klafft das auseinander?

Auf den Spuren Paul Watzlawicks reiste Künstler Richard Wilhelmer vor ein paar Jahren nach Palo Alto im heutigen Silicon Valley, wo der radikale Konstruktivismus begründet worden war. Was er finden wollte, waren die Originalaufnahmen eines Experiments von Gregory Bateson. Dieser hatte einen Psychiater gebeten, ihn bei der Diagnose eines Patienten zu unterstützen. Die Wahnvorstellung des Patienten bestehe darin, sich für einen Psychologen zu halten. Der vermeintliche Patient war aber nicht wahnhaft, sondern tatsächlich Psychologe, und Bateson hatte ihm zuvor die gleiche Geschichte aufgetischt.

Was, wenn man den Erwartungen nicht entspricht? Eigentlich, erzählt Wilhelmer, hätte „Anomalie“ ein Spielfilm werden sollen. Letztlich entschied er, die vielen Jahre an aufwendiger Recherche, gemeinsam mit dem Tiroler Anthropologen Daniel Haingartner, doch in eine Doku zu verwandeln. „Es ging uns aber nicht darum, einen Film über Psychiatrie zu machen, und schon gar nicht in irgendeiner Form Anklage zu erheben oder Missstände aufzudecken“, sagt Wilhelmer – auch wenn man auf Letztere freilich gestoßen sei.

Die Ambition sei es vielmehr gewesen, „ein Porträt des Phänomens psychischer Leiden in der westlichen Welt“ zu zeichnen. Zu seinen Gesprächspartnern zählt dabei unter anderem Allen Frances, ehemaliges Mitglied der American Psychiatric Association, die jenes „Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen“ herausgibt, nach dem sich der Rest der Welt richtet. Heute sieht Frances das Handbuch kritisch. Die Auflistung immer neuer Leiden sei inflationär, die Grenze zur Krankheit verschiebe sich immer mehr in Richtung des bisher als normal erachteten. Für vieles, sagt Frances heute, sollte man dabei eher soziale Lösungen finden, statt Pillen zu verschreiben.

Einer Pharmaindustrie, die naturgemäß ein Interesse am Absatz ihrer Produkte habe, stünden aber auch Patienten gegenüber, die „wenig Geduld mitbringen“, um darauf zu warten, dass Dinge auch von allein wieder besser werden, gibt Psychiaterin Adelheid Kastner zu bedenken. Die wenig Verständnis dafür hätten, „dass man nicht immer gut drauf sein kann“ und „eine sofortige Reparatur einfordern“. Emotionaler Anker des Films ist Fritz Joachim Rudert, ein liebenswerter Psychiatriegegner und selbsternannter Irrer, den Wilhelmer über mehrere Jahre hinweg immer wieder begleitet hat.

„Public Face“ in der Hafencity

Wilhelmer, der an der Berliner Universität der Künste studiert hat, hat sich schon früher mit den Schnittstellen zwischen Befindlichkeit und Gesellschaft beschäftigt. 2014 befestigte er mit Julius von Bismarck und Benjamin Maus einen weithin sichtbaren Smiley auf einem Haus am Wienerberg, der die aktuelle Stimmung der Wiener wiedergab. Mit einer ursprünglich zur Überwachung entwickelten Software wurden an mehreren Orten in Wien die Gesichtsausdrücke der Menschen gemessen, der Smiley zeigte den Durchschnitt an Fröhlichkeit oder Grant. Seit Kurzem ist „Public Face“ in einer neuen Version in Hamburg zu sehen: Vor der Elbphilharmonie misst er ein Jahr lang die Lage in der Hafencity.

Quasi ein „Nebenprodukt“ von „Anomalie“ ist übrigens der Kurzfilm „Hypnodrom“, ein experimenteller Fünf-Minuten-Streifen zum Thema, für den Wilhelmer mit einer selbst gebauten Rotationskamera den Zuschauer in schwindelerregende Perspektiven bringt – der Film läuft das dritte Jahr in Folge auf Festivals. Auch der Bedarf der Zuschauer, nach „Anomalie“ ins Gespräch zu kommen, sei groß. „Vor allem Psychologen und Psychiater wollen das Thema wirklich besprochen haben.“

AUF EINEN BLICK

Richard Wilhelmer (geb. 1983) lebt in Wien und Berlin. Er ist Kreativchef der Beluga Strategic Design GmbH in Berlin und beschäftigt sich auch künstlerisch mit soziokulturellem und technologischem Wandel. Sondervorstellungen von „Anomalie“ mit ihm gibt es noch am 13. März im Kino in Krems und am 20. März im Wiener Metro Kino mit Andreas Ehrfurt, Primar am Neurologischen Zentrum Rosenhügel, und der Psychologin Margot Matschiner-Zollner. Weitere Termine:

Web:www.anomalie-movie.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2019)

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