Wie uns unsere Umwelt krank macht

Gestörter Schlaf, „tote Milch“, verschmutzte Luft: Das Medicinicum Lech widmet sich dem „gesunden Menschen in einer gesunden Umwelt“. Das Problem dabei: Die Umgebung heilt nicht nur, sie schadet auch. Bleibt die Frage: Ist sie zu retten?

Allergische Erkrankungen sind das häufigste Gesundheitsproblem im Kindesalter.
Allergische Erkrankungen sind das häufigste Gesundheitsproblem im Kindesalter.
Allergische Erkrankungen sind das häufigste Gesundheitsproblem im Kindesalter. – Getty Images/Westend61

Saubere Luft, was ist das eigentlich? „Etwas, wofür es keine eindeutige Definition gibt“, sagt Hans-Peter Hutter vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. „Generell soll saubere Luft möglichst wenige Allergene, Schadgase und Partikel enthalten – sie findet sich also nicht in Mumbai, Delhi oder Peking.“ Doch auch abseits der Megacitys mit ihren Industrieanlagen und Autobahnen ist saubere Luft schwer auszumachen. „In afrikanischen Ländern sind es vor allem Frauen, die sich höchst belastendem Rauch aussetzen, da sie nach wie vor Holz zum Kochen verwenden.“

„Die drei ultrabösen unter den vielen bösen Bestandteilen der Luft, um Anleihen beim Comicgenre zu machen, sind Feinstaub, Stickstoffdioxid und bodennahes Ozon“, sagt der Umweltmediziner. „Anders als angenommen beeinträchtigen diese Schadstoffe nämlich nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz-Kreislauf-System und – besonders erschreckend – das Gehirn.“ In anderen Worten: „Die Luft hat das Potenzial, uns gesund zu machen, so fällt Lungenkranken das Atmen am Meer oder auf den Bergen wegen der vorkommenden Aerosole leichter. Zugleich kann sie unsere Lebenszeit bei ungünstiger Zusammensetzung aber beträchtlich verkürzen.“

Einer Studie der Europäischen Umweltagentur (EEA) zufolge sterben in Österreich etwa 8200 Personen pro Jahr vorzeitig infolge der Luftverschmutzung. Als Gründe werden vorrangig die durch Verkehr, Hausbrand und Industrie erzeugten Belastungen angeführt. Umgelegt auf 41 europäische Staaten ergibt das rund 467.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund einer Langzeitbelastung durch Feinstaub sowie an die 71.000 Opfer von Stickstoffdioxid.

„Vor allem Feinstaub erzeugt Atembeschwerden, verringert die Lungenfunktion und kann Krebs auslösen, doch auch Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle und Herzinfarkte gehen auf ihn zurück“, zählt Hutter auf. Mehrere Studien legen überdies einen Zusammenhang zwischen belasteter Luft und einer verringerten Leistungsfähigkeit des Gehirns nahe: „Ultrafeine Partikel gelangen auch über den Riechnerv ins Gehirn und lösen dort Entzündungen aus“, sagt der Mediziner. Hinzu kommt: „Sie verursachen Stressreaktionen in den Zellen, wodurch sich die Durchblutung und mit ihr der Abtransport der Schadstoffe aus dem Gehirn verschlechtert – je mehr Ablagerungen, desto höher das Risiko für Alzheimer und Demenz, so die Hypothese.“


Eingeatmeter Diabetes? Überprüft wird aktuell auch ein möglicher Konnex zwischen Diabetes und unreiner Luft. „Die These lautet: Die Partikel induzieren über oxidativen Stress etwa Insulinresistenz und verminderte Insulinsekretion, was zu Diabetes führen kann“, verweist Hutter auf eine 2018 im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichte US-Studie. Demnach waren 2016 weltweit rund 3,2 Millionen Diabetes-Neuerkrankungen auf Feinststaubpartikel zurückzuführen. Tendenz leider steigend.

Ein Aufwärtstrend ist überdies bei Allergikern zu beobachten: „Heute sind Allergien, Asthma, Ekzeme, Lebensmittelunverträglichkeiten und Ausschläge das häufigste Gesundheitsproblem im Kindesalter“, sagt Hans Concin vom Arbeitskreis für Vorsorge und Sozialmedizin (AKS) in Bregenz. Vor allem in Industrieländern: „Gut ein Drittel der Bevölkerung leidet an mindestens einer Allergie – dieser Befund gilt auch in Österreich.“

Ursache des Anstiegs sei „zum einen die zunehmende Luftverschmutzung: Ozon und Feinstaubpartikel, an denen sich die Allergene, wie Pollen, anbinden können, machen diese aggressiver in der Allergieauslösung“, sagt Concin. „Zum anderen verlängert die Klimaerwärmung die Blütezeiten der Pflanzen.“ Zum Dritten: „Während die Luft draußen stärker belastet ist, leben wir drinnen sehr steril, fast wie in einem Krankenhaus.“

Zugespitzt formuliert: „Alles wird desinfiziert, permanent wird geputzt, Wald und Wiesen nicht mehr betreten – dadurch fehlt die Konfrontation mit positiv belasteter Luft, also solcher, die mit Bakterien und Pilzen angereichert ist“, so Concin. Der Gynäkologe rät insbesondere Schwangeren und Eltern von ein- bis dreijährigen Kindern zum Besuch von Bauernhöfen und zu Haustieren: „Es wurden Kinder von Amischen, die sich selbst versorgen, von Hutterern, die industrielle Landwirtschaft betreiben, und Kinder ohne Zugang zu Bauernhöfen untersucht“, verweist Concin auf eine 2016 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie. Ihr Resultat: Bei den Amisch, die in täglichem Kontakt mit Gräsern, Getreide und Tier stehen, haben nur fünf Prozent der Kinder Asthma, knapp sieben Prozent eine Allergie. Bei den Hutterern sind es 21 und 33 Prozent, „weit stärker belastet sind die Stadtkinder“. Das liege nicht nur an der frühen Konfrontation mit Mikroben, sondern auch an der Ernährung.

„Was wir im Geschäft kaufen, ist Milch von Turbokühen aus Massentierhaltung mit Antibiotikafutter, deren wertvolle Proteine durch das Pasteurisieren unwirksam gemacht werden“, sagt Concin. „Internationale Experten sprechen gar von ,toter Milch‘.“ Um dem Trinkenden die Konfrontation mit der Natur wieder zu ermöglichen, rät er zu „Rohmilch, wie der Vorzugsmilch in Deutschland“. Denn: „Sie ist das beste Medikament gegen Allergien, bedeutet aber auch: Raus auf's Land und vor Ort trinken, da sie nur kurz haltbar ist.“


Selbstgemachte Hitze.
Einen ähnlichen Appell plant Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, im Rahmen des am 4. Juli in Vorarlberg beginnenden Medicinicum Lech. „Würden der Einzelne und die Politik konsequent auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel setzen, auf weniger Fleisch und regionales Essen sowie sich zu einer hohen Besteuerung von Kerosin und Diesel durchringen, um Flug- und Autoverkehr einzudämmen, würde das die Klimakrise eindämmen und Leben retten.“

Aktuell berge „die Natur“ zahlreiche Risken, die es wieder auf ein „menschenverträgliches Maß zu reduzieren“ gelte, mahnt Egit. „2018 zählten wir in Österreich 766 auf den Klimawandel zurückzuführende Hitzetote, während 400 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen.“ Auch die in der Luft befindlichen Emissionen trugen zu eigentlich vermeidbaren Sterbefällen bei: „Die 2012 gemessenen Luftschadstoffen kosteten allein in Österreich 40.000 bis 65.000 Lebensjahre und bedeuten gravierende individuelle und wirtschaftliche Einbußen.“ Und bleiben nicht allein: „In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der klimabedingten Katastrophen von durchschnittlich 165 auf 329 pro Jahr angestiegen“, rechnet Egit vor. Konkret: „Überschwemmungen, Stürme und Dürre suchen uns immer öfter heim – und wir beflügeln sie, indem wir Wälder und Wiesen mit Straßen, Parkanlagen und Gebäudekomplexen zubetonieren, die wiederum mehr Hitze erzeugen – zulasten unserer Gesundheit.“


100 Schlafstörer. Die veränderte Umwelt wirkt sich auch nachts auf ihre Erschaffer aus, betont Schlafpsychologe Günther Amann-Jennson. „80 Prozent der Erwerbstätigen leiden an einer der mehr als 100 Formen von Schlafstörungen, insbesondere die Einschlafstörungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht.“ Auch fast ein Drittel der sechs- bis zwölfjährigen Kinder kämpft mit den Folgen von zu wenig Schlaf: „Die beste Lebenserwartung hat man mit 7,5 Stunden Schlafzeit; Stress, digitale Medien, Geräusche und Luftschadstoffe in Schlafräumen verkürzen sie aber konsequent.“

Und schaden dem Wohlbefinden: „Ständige Erschöpfung erhöht das Risiko für Herzinfarkte, Bluthochdruck, Alzheimer, Diabetes, Burn-out und Depression“, warnt der Leiter des Instituts für Schlafpsychologie. „Schon jetzt gibt es weltweit über 400 Millionen Menschen mit Depressionen, in zehn Jahren wird es die Gesundheitsstörung Nummer eins sein, da Ruhe und psychisch-mentale Regeneration durch Schlaf fehlen“, plädiert Amann-Jennson dafür, das Schlafzimmer als biologisch wichtigsten Raum zu erkennen und entsprechend auszustatten: „Lichtreize und elektromagnetische Felder von technischen Geräten, synthetische Stoffe, eine zu hohe Luftfeuchtigkeit und eine Raumtemperatur von mehr als 20 Grad rauben dem Gehirn die Möglichkeit, ausreichend zu rasten und sich Giftstoffen zu entledigen.“ Sein Fazit: „Vieles von dem, was uns krank macht, ist selbst verschuldet: Verzichteten wir auf schädliche Substanzen, bewegten uns in der Natur und achteten den Schlaf, könnten wir unsere Gesundheit und die Umwelt retten.“

Kongress

Das Medicinicum Lech findet vom 4. bis 7. Juli statt und widmet sich dem Thema „Der gesunde Mensch in einer gesunden Umwelt. Ökologie als Schlüsselfrage für unsere Gesundheit und Zukunft“. Die Referenten, unter ihnen der Publizist und Philosoph Richard David Precht, gehen bei der sechsten Ausgabe des Kongresses Fragen des Klimawandels, der Biodiversität oder der Massentierhaltung nach. Beleuchtet werden außerdem gesunder Schlaf, die Ausbreitung von Allergien und die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die (Kinder-)Gesundheit.

Infos zu dem viertägigen Symposium, dessen Medienpartner „Die Presse“ ist, gibt es unter: www.medicinicum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2019)

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