Die Angst vor Jugendbanden geht um

Niemand weiß, wie viele es sind, aber anscheinend gibt es immer mehr Angst vor Jugendgangs in Wien, viele von Migranten. Immer wieder kommt es zu "Massenschlägereien". Was sagen Betroffene?

Jugendkriminalität
Jugendkriminalität
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN. Sie halten sich oft in Einkaufszentren auf, in Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen, in Diskotheken – eigentlich überall, wo es Menschenansammlungen gibt. Ihre aggressiven Blicke und die laute ausländische Musik vom Handy schüchtern Vorbeigehende ein. Sie sind mindestens zu viert und schauen einander zum Verwechseln ähnlich: migrantische Jugendbanden. Ob es nun Türken, Bosnier, Serben oder Kosovaren sind, oder ob es sich um Jugendliche handelt, die sich einer anderen Subkultur zugehörig fühlen – sie treten in Gruppen auf und erzeugen Angst.

2008 klärte eine Sondereinheit der Polizei in sechs Monaten 421 Straftaten in Wien – viele Verdächtige waren Migranten. Aber, so die Polizei, Daten zur Herkunft der Täter werden nicht gesondert erhoben. „Jugendbanden im eigentlichen Sinn gibt es in Wien nicht, nur noch einzelne kriminelle Jugendliche, die sich manchmal zusammenschließen, um zu stehlen oder zu rauben.“

Anfang der 1990er-Jahre waren sogenannte Jugendbanden in ganz Wien verbreitet. Durch die Sondereinheit gegen Jugendkriminalität wurden sie schlussendlich aufgelöst. Trotzdem: „Monatlich werden in Wien rund 30 Handys gestohlen – auch von jugendlichen Kriminellen“, heißt es bei der Polizei.

Aber gehört ein migrantischer Jugendlicher gleich einer Bande an, wenn er sich mit gleichgesinnten Freunden auf öffentlichen Plätzen aufhält? Natürlich nicht! Tatsache ist – ob Banden oder harmlose migrantische Jugendliche: Sie wollen Aufmerksamkeit erregen. Ali* (21) : „Meine Freunde und ich werden ständig schief angeschaut. Wir hängen gerne zusammen herum, ohne böse Absichten, nur manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute Angst vor uns haben. Aber das ist eben unser Image. Als Weichei kommt man nicht weit.“

Und weil es schwierig ist, von außen die beiden Gruppen zu unterscheiden, kommt es häufig zu diskriminierenden Vorgangsweisen durch Türsteher vor Diskotheken. Oft kommen ausländisch aussehende Gruppen erst gar nicht hinein. Inwiefern dies für die Beteiligten verletzend oder demütigend sein kann, interessiert in solchen Momenten die Türsteher nicht.

 

Türsteher können auch anders

In einer Diskothek in Vösendorf ist dies oft der Fall. Meist werden größere Gruppen von Migranten nicht eingelassen. Fatih* (23): „Ich verbringe fast jeden Samstag im Millennium in Vösendorf. Wenn ich mit österreichischen Freunden unterwegs bin, gibt es mit Türstehern keine Probleme, kaum komme ich mit migrantischen Freunden, dürfen wir ohne Begründung nicht hinein!“ Nach Meinung der Türsteher machen migrantische Gruppen oft Probleme. Immer wieder komme es zu Raufereien. Auch Drogenhandel sei keine Seltenheit.

„Securities“ können auch anders. Werner*(32), Türsteher einer Diskothek in der Herrengasse in Wiener Neustadt, meint, dass in das von ihm beaufsichtigte Lokal alle Jugendlichen über 16 hineinkönnen. Ausweiskontrollen seien sehr streng, aber er werde niemals jemandem aufgrund seines äußerlichen Erscheinungsbildes den Zutritt verwehren. Und: Seines Erachtens gebe es mindestens genauso viele kriminelle österreichische wie migrantische Jugendliche. „Ottakringer Straße Klick Klack Kopfschuss“. Solche Textzeilen aus dem Ghetto-Rap „Balkanaken“ der Wiener Rapper „Platinum Tongue und Melvut Khan“ erregen Aufsehen. Die Clips erzählen von einem Straßenkampf in Wien – Texte voller Gewalt, Hass und hetzerischer Parolen. Die Rapper meinen, sie beziehen sich auf die heutigen migrantischen Jugendbanden, die so ziemlich jedes Problem mit Fäusten und Messern zu lösen versuchten. Sie kämen zu „Taschengeld“, indem sie meist Jugendliche ausrauben. Dabei steht aber oft nicht die eigene Bereicherung im Vordergrund, sondern die Macht über andere, die sie bei den Taten ausüben. Dementsprechend rauben sie selten Objekte von besonderem Wert, sondern eher alltägliche Gegenstände wie MP3-Player und Handys.

 

Schweigsame Mitwisserinnen

Bei Körperverletzungen steht nahezu jedes zweite Delikt vor dem Hintergrund ethnischer Konflikte. Auch die Rivalität zwischen mehreren Gruppen spielt eine große Rolle. Immer wieder kommt es zu sogenannten „Massenschlägereien“ zwischen verschieden Gangs. Auffallend ist, dass in solchen Jugendbanden fast keine Mädchen präsent sind. In diesen Machobünden spielen sie eine untergeordnete Rolle – als Freundinnen und schweigsame Mitwisserinnen.
* Name von der Redaktion geändert.

Auf einen Blick

Es gibt keine Zahlen über Jugendbanden, aber jede Menge Angst vor ihnen – und oft werden sie mit Migranten in Verbindung gebracht. Was dahintersteht, zeigt eine Reportage von jenen Schauplätzen, an denen sich die Szene jugendlicher Migranten trifft. Experten bestätigen diese Eindrücke und geben Entwarnung. Tenor: Gewalt gebe es nur in Einzelfällen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2009)

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