Topmodel: „Vorbild für türkischstämmige Mädchen“

Durch den Sieg beim Puls4-Casting wurde Aylin Kösetürk zum Rolemodel für junge Migrantinnen. In der türkischen Community ist sie aber nicht unumstritten.

(c) DiePresse (Farzad Dadgar)

Eigentlich hätte sie ja Friseurin werden sollen. Doch „ich wusste schon immer, ich kann mehr“. Und das bewies Aylin Kösetürk vergangenen Donnerstag auch: Da gewann sie die zweite Staffel der Castingshow „Austria's next Topmodel“ auf Puls4. Die türkischstämmige Wienerin ist nun auf Magazincovers zu sehen, hat einen Modelvertrag bei „Wiener Models“, bekommt eine Kampagne beim deutschen Designer Philipp-Plein, wird bei der Pariser Fashion Week für Castelbajac laufen und ist das neue Brunotti-Testimonial für Hervis.

Für Styling hat sich die 16-Jährige schon immer interessiert. Ihr Vater ist Friseur. Schon mit vier Jahren hat sie ihn aufgefordert, ihr die Haare zu färben oder eine Hochsteckfrisur zu machen. Und doch, den Vorschlag ihres Vaters, ihr einen Frisiersalon zu finanzieren, lehnte sie ab. Eine Lehre als Hotel- und Gastgewerbeassistentin und damit der Schritt in die Tourismusbranche waren ihr lieber. Doch für ihre Modelkarriere würde sie „im schlimmsten Fall auch die Schule abbrechen“ und die Abendschule besuchen. Ob es allerdings wirklich so weit kommt, weiß sie noch nicht. Denn noch ist alles neu für sie – die Erfahrung, dass sich so viele Leute für sie interessieren. Und auch an den Umgang mit Medien muss sie sich erst gewöhnen.

Eines hat sie in der kurzen Zeit seit dem Finale aber schon gemerkt: Nicht alle gönnen ihr den Sieg. Woran auch immer das liegen mag, an ihrem Aussehen oder eher an ihren türkischstämmigen Wurzeln. Gerade die Herkunft ihrer Eltern wird in Internetforen immer wieder besonders emotionell zur Sprache gebracht. „Schockierend“ findet die 16-Jährige das, „aber das gehört dazu“, meint sie achselzuckend.

 

Türkin im Bikini – geht das?

Dabei ist Aylin in Österreich geboren, mit der Türkei verbindet sie nicht wahnsinnig viel. In Österreich fühlt sie sich jedenfalls gut integriert – und sie lebt die österreichische Kultur. Viele der Vorwürfe, mit denen sie immer wieder konfrontiert ist, deutet sie als Unwissenheit der Menschen. So käme in Internetforen immer wieder die Frage, wie sich ein türkischstämmiges Mädchen überhaupt im Bikini zeigen könne – und ob sie deswegen keine Schwierigkeiten mit ihren Eltern bekomme.

„Warum sollten meine Eltern ein Problem damit haben?“, fragt sie, „es gibt doch auch Models in der Türkei, da beschwert sich ja auch niemand darüber.“ Im Gegenteil, meint sie sogar: „Meine Eltern sind sehr stolz auf mich.“ Ihre Familie habe sie eher bestärkt, aus ihrem guten Aussehen etwas zu machen.

Doch abseits der Familie wurden ihr genau jene Fragen, die sie so nun locker abtut, gar nicht selten gestellt – von türkischstämmigen Internet-Usern: Sie würde den Islam mit ihren Bikini-Auftritten verunglimpfen, lautete einer der Vorwürfe. Das habe sie schon erschreckt, erzählt sie. Und zählt schon im nächsten Atemzug auf, warum dieser Vorwurf absolut nicht gerechtfertigt sei. Sie selbst sieht sich sehr wohl als religiös, immerhin fastet sie im Ramadan – und ein Gebet vor dem Schlafengehen ist für sie obligatorisch.

Doch bei aller Religiosität, mit manchen Bräuchen kann sie dann doch nicht ganz so viel anfangen: „Es müssen ja nicht alle ein Kopftuch tragen“, meint sie lächelnd. Und sieht sich in dieser Hinsicht sogar als ein Vorbild für türkischstämmige Mädchen. Und das nicht nur in Hinblick auf ein Thema wie das Kopftuch, es gab auch eine weitere große Motivation für sie, „Austria's next Topmodel“ zu werden: Auf diese Weise konnte sie zeigen, „dass auch eine türkisch-stämmige Wienerin es schaffen kann“.

 

Die Ausstrahlung ist wichtig

Doch wie sehen Aylins Chancen als internationales Model aus? Vonseiten der Jury gab es ja unter anderem Kritik, sie wäre zu klein. „Dazu gibt es ja hohe Schuhe, und ich kann gut laufen“, meint das neue Topmodel.

Auch Fotograf Andreas Ortner, der bei der Casting-Show in der Jury saß, ist zuversichtlich, dass Aylin es schaffen kann. Zum einen sei die Ausstrahlung besonders wichtig, und die habe sie ja auf jeden Fall. Zum anderen sei sie innerhalb der letzten drei Monate um zwei Zentimeter gewachsen. Mit ihren 174 Zentimetern, so Ortner, sei sie jedenfalls geeignet, um international zu arbeiten. Zudem habe sie über die ganze Staffel hinweg gezeigt, dass sie sich perfekt in alle Rollen hineinversetzen kann und sich kontinuierlich weiterentwickelt hat.

Doch viel wichtiger als die perfekten Maße – und noch viel wichtiger als die Herkunft des neuen Topmodels – ist für den Fotografen, dass Aylin einen unglaublichen Wiedererkennungswert habe. Er rechnet jedenfalls damit, dass die 16-Jährige eine große Karriere vor sich hat: „Zieht euch warm an, Aylin ist eine würdige Gewinnerin, und wir werden viel von ihr sehen und hören.“

Auf einen Blick

Aylin Kösetürk wurde als Kind türkischstämmiger Eltern in Wien geboren. Die 16-Jährige absolviert derzeit eine Lehre zur Hotel- und Gastgewerbeassistentin.

Topmodel: Am 4.Februar siegte sie im Finale der zweiten Staffel der Castingshow „Austria's next Topmodel“ auf Puls4. Dafür bekam sie unter anderem einen Modelvertrag bei „Wiener Models“, wird bei der Pariser Fashion Week auftreten und ist das neue Brunotti-Testimonal für Hervis. Ob sie auch am Schwesternformat „Germany's next Topmodel“ teilnehmen wird, ist noch offen.

http://topmodel.puls4.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2010)

Kommentar zu Artikel:

Topmodel: „Vorbild für türkischstämmige Mädchen“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen