Der Dialekt als Hindernis beim Deutschlernen

Wer in Kursen Deutsch gelernt hat, scheitert dennoch oft im täglichen Umgang mit Menschen, die Dialekt sprechen. Experten empfehlen daher die Einbeziehung regionaler Dialekte in die Ausbildung von Migranten.

(c) Fabry

Deutsch gelernt und trotzdem nichts verstanden. Wer seine Deutschkenntnisse in einem Sprachkurs erworben hat, kann sich im besten Fall auf Hochdeutsch verständigen. Wenn aber von Blunzn (Blutwurst) oder Pleamle (kärntnerisch: Blume) die Rede ist, verstehen Absolventen oft nur Bahnhof. Denn Ortsdialekte werden in Sprachkursen meist nicht vermittelt.

Was auf den ersten Blick zweitrangig erscheint, kann, so Hans-Jürgen Krumm, Universitätsprofessor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Germanistik-Institut Wien, für Migranten zu einem Problem werden. In den Kursen wird österreichisches Deutsch gelehrt, „aber außerhalb der Kurse hören Migranten je nach Region und Beruf eventuell überwiegend Dialekt“. Das verursache Verunsicherung.

Oftmals hätten Migranten, die schon mit Deutschkenntnissen nach Österreich kommen, Probleme, die Dialekte zu verstehen, weiß der Deutschlehrer des Innovationszentrums Universität Wien am Campus Austria, Kurt Krottendorfer, nach 25 Jahren Lehrtätigkeit.

Bei Migranten, die im Unterricht nicht lernen, den örtlichen Dialekt zu verstehen, komme es zu einem Motivationsverlust, so Krumm. Für ein Deutsch, das für den Arbeitsplatz und im täglichen Umgang mit Menschen brauchbar ist, wäre daher die Einbeziehung von Dialekten sinnvoll.

Wienerisch oder Kärntnerisch im Deutschkurs? Dialekt lernen – ja, nein? Das sei zwar nicht in der Forschung, dafür in den Kursen selbst ein heißes Thema, meint Verena Plutzar, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Germanistik-Institut Wien.

„Deutsch ist eben nicht gleich Deutsch“, so Plutzar. Auch wer in einem Goethe-Institut im Ausland eine Deutschprüfung absolviert habe, müsse sich deshalb nicht zwangsläufig gut in Österreich verständigen können. Mit ein Grund, warum Sprachwissenschaftler und Praktiker Zweifel an der derzeitigen Praxis hegen.

Zur Erinnerung: Wie im Nationalen Aktionsplan Integration, der Anfang des Jahres im Nationalrat beschlossen wurde, festgeschrieben ist, müssen Zuwanderer künftig schon vor der Einreise Deutschkenntnisse nachweisen. Wer außerdem nach zwei Jahren (bisher fünf) nicht ausreichend (A2-Niveau) Deutsch kann, dem drohen eine Ausweisung bzw. erhebliche Nachteile im Aufenthaltsrecht. Wer mit dem Erlernen der Sprache gut vorankommt, soll Vergünstigungen erhalten.

Doch in der wieder neu entflammten öffentlichen Debatte um eine Verschärfung der Integrationsvereinbarungen kamen Praktiker und Sprachwissenschaftler bisher kaum zu Wort. Darüber, dass die Verschärfungen unsinnig seien, gebe es relativ breiten Konsens und zum Teil auch deutliche Worte. „Die Frage ist nur, wer das hören will“, meint Plutzar.

 

Missverstandene Kritik

Als Reaktion auf die Einführung der Integrationsvereinbarung unter der schwarz-blauen Regierung wurde das „Netzwerk SprachenRechte“ gegründet – unter anderem auch von Plutzar. In ihrer Kritik fühlen sich die Sprachwissenschaftler aber häufig missverstanden. Wer auch immer Deutsch lernen wolle, solle die Freiheit dazu haben. „Der Knackpunkt ist der Zwang.“ Dass Deutschkenntnisse mit Aufenthaltsrechten verknüpft sind, sei „einfach untragbar“.

Zwang statt Freiwilligkeit. Sanktionen statt Anreize. Zudem werde keinerlei Rücksicht auf individuelle Lernprozesse und finanzielle Möglichkeiten der Betroffenen genommen, fasst Hans-Jürgen Krumm die zentralen Punkte der Kritiker zusammen. Durch das jetzige Modell, ergänzt Krottendorfer, „wird Integration nicht gefördert“.

www.sprachenrechte.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2010)

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