Migration: Ein Dauerbrenner in der Wissenschaft

Das mediale Interesse an Migranten ist groß, das zeigen zum Beispiel die Ergebnisse der neuen Public-Value-Studie des ORF. Doch Experten klagen, dass akademische Arbeiten zum Thema häufig ignoriert würden.

(c) Clemens Fabry

Wien. Migration ist ein Thema, das Studien zu füllen vermag. Das zeigen die vergangenen neun Tage, in denen zahlreiche nicht universitäre Studien und Umfragen zum Thema Migration und Integration präsentiert worden sind.

Den Anfang hat zu Beginn der vergangenen Woche der ORF gemacht, als er die Ergebnisse der neuen Public-Value-Studie öffentlich gemacht hat. Das Ergebnis: Migranten bescheinigen dem ORF zu wenig mediale Integration von Zuwanderern.

Kurz danach wurde eine Studie über Migranten in den österreichischen Medien präsentiert, die von der Werbeagentur NOA und dem Meinungsforscher Peter Hajek in Auftrag gegeben und von der Agentur Media Affairs durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Qualitätsmedien berichten positiv über Integration. Auch der österreichische Integrationsfonds schob eine Studie nach, die sich mit der Internetnutzung türkischer Migranten befasst. Das Ergebnis: die Mehrheit junger türkischer Migranten liest online österreichische Nachrichten, wobei einige deutschsprachige noch vor türkischsprachigen Medien genutzt werden.

 

Migranten: Interessiert an Politik

Schließlich wurde die Neugründung eines Meinungsforschungsinstituts, „Ethnopinion“, bekannt, das Umfragen unter Migranten durchführt und gleich mit einer groß angelegten Studie zu verschiedenen Bereiche wie Politik, Integration oder Konsum aufhorchen ließ. Ein Ergebnis, das Schlagzeilen machte: Migranten sind mehr an der österreichischen Politik interessiert als Österreicher.

Angesichts der Vielzahl an in Auftrag gegebenen Studien stellt sich die Frage: Ist Migration, besonders im Bezug auf Medien, ein neues Untersuchungsfeld? „Die Bündelung dieser Meldungen“ habe „terminlich optimal gepasst“, sagt Migrationsforscherin Assimina Gouma von der Uni Salzburg. Deshalb könne man aber noch nicht von einem „besonderen Trend“ sprechen. Neu sei das Interesse am Thema Migration und Medien grundsätzlich nicht, meint auch Fritz Hausjell, Professor am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Bereits Mitte der 90er-Jahre bot Hausjell erstmals Seminare zu Journalismus, Migration und Fremdenfeindlichkeit an. Die Studien, die nun präsentiert worden sind, sind etwa von Medienunternehmen mit einem bestimmten Ziel in Auftrag gegeben worden: um besseres Ethnomarketing betreiben zu können. Aber wissenschaftliche Abschlussarbeiten, wie Diplomarbeiten oder Dissertationen, gebe es zu diesem Thema auch viele, so Hausjell. „Doch was seit den 90er-Jahren an Studien da ist, ist weitgehend ignoriert worden.“ Obgleich dies in keinem Verhältnis zur hohen Qualität der Studien stehe. Diesbezüglich nimmt Hausjell die Branchenpublizistik, also Fachzeitschriften zu Medien und Journalismus, in Pflicht. Jahrelang hätten sie sich nicht um diese Themen gekümmert.

 

Sensibilisierung

Die neu entfachte breite Aufmerksamkeit für das Thema sehen sowohl Hausjell als auch Gouma durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Besonders wichtig dabei: die Sensibilisierung, die in den letzten Jahren verstärkt erfolgt sei, etwa durch Organisationen wie M-Media, wie Gouma anmerkt.

Dass das Thema Migration und Medien nun größeres öffentliches Interesse genieße, sehen beide Wissenschaftler positiv. Doch eine leise Kritik übt Gouma trotzdem an der kürzlich präsentierten Analyse zur Berichterstattung über Migranten in den heimischen Medien, in welcher den Qualitätsmedien eine „migrantenfreundliche“ solche attestiert worden ist: Sie greife zu kurz. Außerdem stünden die Erkenntnisse der Migrationsforschung „im starken Kontrast“ zu den Ergebnissen. Denn Qualitätsmedien betrieben zwar häufig eine „analytisch komplexe“, für Migranten aber „dennoch spürbar negative Berichterstattung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)

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