Eine Minderheit in der Minderheit

Etwa 320.000 türkische Bulgaren flohen 1989 vor der „Bulgarisierung“ durch das kommunistische Regime. Rund 1000 von ihnen leben heute in Österreich.

(c) EPA (Vassil Donev)

Wien. „Die Bulgaren sagen, du bist nicht wie wir, du bist eine Türkin. Die Türken sagen, du bist anders als wir, du bist eine Bulgarin. Wenn es von Türken kommt, schmerzt es mich mehr, weil ich mich immer als ethnische Türkin gefühlt habe“, sagt Kiymet Adali.

Die in Wien lebende Geschäftsfrau gehört zur historischen Minderheit der türkischen Bulgaren. Sie leben in Bulgarien, sind aber sprachlich und ethnisch Türken. Viele von ihnen flohen um 1989, auf dem Höhepunkt der „Wiedererweckungsbewegung“ unter dem kommunistischen Machthaber Todor Zivkov. Mit diesem Schlagwort bezeichnete man die zwangsweise Assimilierung der Türken in Bulgarien. Dazu zählten sowohl Namensänderungen als auch das Verbot von Kultur und Sprache.

Das Regime argumentierte, damals, dass die bulgarischen Türken ja doch Bulgaren seien, die zur Zeit des „500-jährigen türkischen Jochs“ zum Islam übergetreten seien. Tatsache ist, dass Türken in Bulgarien bereits im 14.Jahrhundert massiv zugewandert sind. 1989 flohen an die 320.000 türkischstämmige vor der „Bulgarisierung“. Die meisten gingen in die Türkei, manche nach Österreich. Kiymet Adali schätzt ihre Anzahl in Österreich auf etwa 1000.

Nach ihrer Flucht und einem Etappenlauf durch verschiedene Auffanglager in Österreich begann Adali zu arbeiten, später zu studieren. Besonders schwer sei ihr das nicht gefallen. Denn da bulgarische Türken mit zwei Sprachen aufwachsen, falle ihnen das Lernen einer dritten Sprache leicht.

 

„Türkisch geblieben“

Ihr Erfolg wurde ihr nicht von allen gegönnt, erzählt sie. Vor allem die Frauen in der Community seien zunächst skeptisch gewesen. Was auch an ihrem traditionellen Selbstbild liege. „Sie wollen zwar arbeiten und weniger von den Männern abhängig sein, aber in gewissen Dingen sind sie ,türkisch‘ geblieben, also stark auf die Familie bezogen.“ Zwar hätte die Mehrzahl der bulgarischen Türkinnen Matura, doch würden die wenigsten von ihnen danach studieren.

Aber auch bei den männlichen bulgarischen Türken gebe es Probleme. Zwar seien sie durchwegs motiviert und ambitioniert, meint Adali, doch gehe es den meisten darum, zunächst einmal Geld zu verdienen. Viele hätten gar nicht erst versucht, ihre bulgarischen Abschlüsse zu nostrifizieren, und nahmen Jobs an, für die sie eigentlich überqualifiziert seien. Allerdings, als Neuankömmlinge mit Familie hätten viele auch kaum Alternativen gehabt.

Heute haben viele Familien einen gewissen materiellen Stand erreicht. Fast alle haben dennoch Heimweh – nach Bulgarien. Viele der bulgarischen Türken in Österreich haben bis heute ihren aufgezwungenen bulgarischen Namen, das Symbol ihrer Assimilierung, beibehalten. „Nicht, weil sie ihn gemocht haben. Sie glauben, durch einen bulgarischen Namen im christlichen Österreich besser anzukommen“, meint Adali.

Ob das tatsächlich so ist? „Nein“, sagt Emine Gülestan, selbst bulgarische Türkin in Wien. „Als ein Bulgare wird man nicht weniger diskriminiert als ein Türke“, meint sie. Die Studentin an der Diplomatischen Akademie hat eine für sie wichtige Erfahrung gemacht – das Misstrauen gegenüber Fremden sei in Österreich nationalitätenübergreifend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2011)

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