Weniger Suizide in Österreich, aber mehr bei Jugendlichen

Noch immer sterben in Österreich jährlich mehr Menschen durch Selbstmord als durch Verkehrs-Unfälle. Bei Jugendlichen und Senioren werden Suizide häufiger. Die Rolle von Internet-Foren ist unklar.

Symbolbild
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(c) AP (Winfried Rothermel)

Dass im Vorjahr bei der Zahl der Selbstmorde der geringste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1970 registriert wurde, ist nur bedingt Anlass zur Freude: Im vergangenen Jahr haben sich 1280 Österreicher das Leben genommen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum starben 691 Menschen bei Verkehrsunfällen auf Österreichs Straßen.

Weltweit nehmen sich jedes Jahr eine Million Menschen das Leben, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich des Welttages der Suizidvermeidung am Mittwoch mit. Die meisten von ihnen stammten aus Asien, wo rund 60 Prozent aller Freitode geschehen. In den Industrieländern ist jedoch seit Beginn der 1980er Jahre eine stetige Abnahme zu verzeichnen, in Österreich um rund 40 Prozent. Auf jeden Selbstmord kommen 20 oder mehr Versuche, sich das Leben zu nehmen, so die WHO.

Im österreichweiten Vergleich reiht sich Wien mit 230 Selbstmorden auf den unglücklichen ersten Platz, gefolgt von Oberösterreich und der Steiermark. Schlusslicht bildet das Burgenland mit 27 Suiziden.

Suizidforen für Jugendliche: Hilfe oder Gefahr?

Leicht gestiegen ist die Zahl der Selbsttötungen unter Kindern und Jugendlichen. 2006 nahmen sich 41 junge Menschen im Alter bis 19 Jahren das Leben, im vergangenen Jahr waren es zwei Jugendliche mehr. Auch die Einstellung der Teenager zeugt von dieser Entwicklung: Laut einer Studie unter Wiener Schülern sehe jeder fünfte Jugendliche Suizid als eine mögliche Lösung aller Probleme, so Kanita Dervic von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie des Kinder- und Jugendalters.

Eine Störung des Sozialverhaltens sei meistens mit den Todessehnsüchten von Kindern verbunden, während Jugendliche am häufigsten im Rahmen einer Depression, eines Substanzmissbrauchs oder einer Angststörung an Suizid denken, bestätigt Dervic. Immerhin, so die Studie, würden zwei Drittel aller Teenager einem suizidgefährdeten Freund zum Aufsuchen eines Psychologen raten.

Internetforen zum Thema Selbstmord erweisen sich als zweischneidiges Schwert: Einerseits bietet das Gespräch mit Gleichgesinnten den Jugendlichen eine Stabilisierung in schwierigen Situationen, andererseits kann das Reden über Selbstmord die User in ihrem Vorhaben bekräftigen, sagt Gernot Sonneck, Vorstand am Institut für medizinische Psychologie an der Universität Wien. Die Polizei liest bei manchen Foren mit, um notfalls intervenieren zu können, allerdings ist die Identifizierung der Chatter nicht immer möglich. "Meist bekommt ein Chat-Partner kalte Füße, wenn er den Ernst der Lage erkennt, und meldet die gefährdete Person der Polizei", so Leopold Löschl, Leiter des Büros für Computer- und Netzwerkkriminalität im Bundeskriminalamt.

Ein Drittel der Selbstmörder Pensionisten

Generell sind Selbstmordversuche bei Frauen dreimal häufiger als bei Männern, wobei es sich bei den tatsächlichen Suiziden genau umgekehrt verhält. Mehr als ein Drittel der Selbstmörder in Österreich sind Pensionisten - für Sonneck ein Zeichen für das weltweit stark zunehmende Problem des Alterssuizids. Diese Entwicklung sei mit der Vereinsamung im zunehmenden Alter zu erklären, wobei Frauen öfter über ihre Probleme sprechen und so eher einen Weg aus der Krise finden als Männer, so Sonneck. Dem Negativtrend, sich alleine in den eigenen vier Wänden das Leben zu nehmen, wirke vor allem das Wohnen in Altersheimen entgegen. "Hier können gerade einsame ältere Menschen ihrem Leben einen neuen Sinn geben."

Hilfe bei Telefonseelsorge und Krisenzentren

In Österreich gibt es, abgesehen von Krankenhäusern und Arztpraxen, zahlreiche Anlaufstellen für Menschen in Krisensituationen, zum Beispiel die Telefonseelsorge, die Wiener Psychosozialen Dienste (PSD) und das Kriseninterventionszentrum (KIZ). Bei der Telefonseelsorge, die rund um die Uhr in ganz Österreich unter der gebührenfreien Nummer 142 erreichbar ist, können die Anrufer anonym über alles sprechen: Todessehnsucht, Ärger, Trauer, Wut und Beziehungsprobleme. Dort erhält man auch Informationen über Einrichtungen, die im Ernstfall weiterhelfen können.

(Ag./Red.)

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