Kriminalität: Wie böse ist die Jugend wirklich?

So brutal wie ihr mediales Bild ist die Jugend noch lange nicht, meinen Experten. Dabei zweifelt man selbst am Zahlenmaterial der Kriminalstatistik. Jugend-Gewalt sei vor allem ein Medien-Phänomen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. „Wieder ein Fall von Jugendgewalt“. Schlagzeilen wie diesen begegnet schnell, wer auch nur oberflächlich die Medienlandschaft der vergangenen Wochen durchkämmt. Und sie polarisieren: Denn ob räuberische Jugendbanden in Wien-Hütteldorf oder Gewaltexzesse wie der Amoklauf im deutschen Winnenden – singuläre Taten vereinen sich schnell zum Öl im argumentativen Feuer jener, die den Verfall jugendlicher Werte konstatieren. Aber bricht die „Jugend von heute“ wirklich alle Brutalitätsrekorde?

Nein, sind sich österreichische Experten sicher – sie präsentierten ihre Standpunkte Mittwoch im Rahmen der von der Wiener Jugendinfo WienXtra veranstalteten Tagung „Jugend und Gewalt“. Eine These zieht sich wie ein roter Faden durch die unterschiedlichsten Ansätze – und es ist eine gewagte: Jugendgewalt ist nach Meinung der Referenten vor allem ein Medienphänomen, das sich einer breiten Öffentlichkeit auf profitable Art verkaufen lässt, oftmals unbegründete Ängste und vorschnelle Maßnahmen auslöst und mit der tatsächlichen Realität nur begrenzt zu tun hat.

 

 

Dabei zweifelt man selbst am Zahlenmaterial der Kriminalstatistik: Gerade hier bedinge oftmals der rechnerische Umgang das tatsächliche Ergebnis und damit die folgenden Schlagzeilen. Dem Interpretationsspielraum zum Trotz: Geht die „Alles harmlos“-Botschaft bei steigenden Kriminalitätszahlen (in Wien gab es 2008 etwa um 45 Prozent mehr durch 14- bis 17-Jährige verübte Diebstähle als 2007) nicht an der Realität vorbei? Eben nicht – sagt zumindest Arno Pilgram, Sozialwissenschaftler am Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Denn genau beim Thema Kriminalstatistik setzt sein Appell zur Vorsicht an: „Ich will ja keinen Aufruf starten, Fälle von Jugendgewalt zu ignorieren, aber man sollte überlegen, wie Daten entstehen.“ Er warnt davor, polizeiliche Statistiken als Eins-zu-Eins-Abbildung der Realität zu betrachten – sie seien vielmehr ein „Produkt der Interaktion“ zwischen Anzeigeerstattern, Jugendlichen und der Polizei. Soll heißen: Pilgram versteht steigende Anzeigenzahlen auch als Indikator für höhere gesellschaftliche Sensibilisierung für Jugendkriminalität, steigende Versicherungszahlen (wer versichert ist, zeigt eher an, weil nur dann bezahlt wird) und geringere Bereitschaft, Gewaltprobleme ohne Polizeikontakt zu regeln. Ein Beispiel: Wenn von hundert Raufereien im Schulhof nicht zehn, sondern fünfzehn zur Anzeige gebracht werden, steigt die Zahl der „Schulhofanzeigen“ um 50 Prozent – das hört sich nach mehr an, als es tatsächlich ist, meint Pilgram. Eine Zahl, die gegen seine These spricht, bringt er dann jedoch selbst ein: Zwischen 1988 und 2007 habe sich die Zahl der Raubdelikte durch Jugendliche verdreifacht. „Dem kann man natürlich besorgniserregende Entwicklungen entnehmen“, räumt er ein, „aber der Anteil jugendlicher Straftäter an der Gesamtzahl ist mit elf Prozent heute gleich wie 1980“. Stimmt – allerdings weist die demografische Entwicklung in eine andere Richtung: Der Anteil der 14- bis 17-Jährigen an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1980 und 2007 von 6,95 auf 4,79 Prozent verringert – relativ gesehen begehen Jugendliche also heute mehr Straftaten als 1980.

 

Die saubere Mitte

Für den Soziologen Ingo Bieringer birgt das Phänomen Jugendgewalt Aspekte in sich, die mit den blanken Zahlenkolonnen der Statistik wenig zu tun haben: Bieringer interpretiert die „Skandalisierung“ von Jugendgewalt als Prozess der Abgrenzung, den die „gesellschaftliche Mitte“ bewusst forciert, um sich selbst als gewaltlos darstellen zu können. Aber braucht es dazu tatsächlich die Jugendgewalt? „Die Identität einer Gesellschaft entsteht immer auch durch Abgrenzung zu anderen Gruppen – beim Amoklauf von Winnenden konstruierte man daher die Doppelidentität des Täters, um zu erklären, warum jemand aus dem gehobenen Mittelstand so etwas tut.“

Eine Gesellschaft, die im Kampf um ein „sauberes“ Selbstbild Gewaltphänomene übermäßig stark thematisiert – das passt auch zu jenem eigenwilligen Bild, das sich der Sozialwissenschaftler Kenan Güngör vom Phänomen Jugendkriminalität gemacht hat: Für den Leiter des [difference:]-Büros für Gesellschaftsanalyse ist die öffentliche Resonanz auf Gewalt deswegen so groß, weil das Phänomen eigentlich bereits überwunden wurde: „Private Gewalt nimmt seit Jahrzehnten stark ab – umso mehr ist jeder Rückfall eine Kränkung, deswegen wird das Thema so bereitwillig aufgegriffen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2009)

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