Stresstest: Fast alle Atomkraftwerke haben Mängel

Das Ergebnis der europaweiten AKW-Überprüfung gibt Anlass zur Sorge. Die Reparatur der 134 untersuchten Kraftwerke könnte bis zu 25 Milliarden Euro kosten. Frankreich kommt bei den Tests besonders schlecht weg.

(c) Dapd (Harald Tittel)

Wien/Brüssel. Sicherheitsmängel und Defekte in so gut wie allen europäischen Atomkraftwerken: Es ist ein verheerendes Zeugnis, das die Europäische Kommission in ihrem Abschlussbericht zu den AKW-Stresstests diese Woche vorlegt. Die Nachrüstung der 134 untersuchten Kraftwerke in der EU werde insgesamt bis zu 25 Milliarden Euro kosten, heißt es darin. Eine Empfehlung für die Schließung eines Reaktors gibt es aber nicht.

Frankreich kommt bei den Tests, die nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 vereinbart wurden, besonders schlecht weg: Keines der 58 Kraftwerke soll die Sicherheitsstandards der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) erfüllen, berichtet die Zeitung „Le Figaro“. So hätten allein 19 AKW keine seismischen Messinstrumente. Doch die Prüfer nationaler Behörden und der EU-Kommission stellten unter anderem auch in einigen deutschen, britischen und schwedischen Reaktoren unzureichende Sicherheitsstandards fest.

 

AKW nahe Österreich in der Kritik

Bei den deutschen Kraftwerken bemängelten sie insbesondere die unzureichende Ausstattung mit Erdbebenwarnsystemen. Diese müssten in allen in der Bundesrepublik geprüften AKW nachgebessert werden. Auch die Leitlinien für schwere Unfälle seien ungenügend umgesetzt.

Besonders scharfer Kritik sehen sich laut einem Bericht des „Wirtschaftsblattes“ auch vier Kraftwerke in Österreichs unmittelbarer Nachbarschaft ausgesetzt: die Reaktoren Dukovany und Temelin in Tschechien sowie Bohunice und Mochovce in der Slowakei.

Die Mängel dieser AKW reichen von unzureichenden Notfallplänen über Defizite an technischen Einrichtungen zur Vermeidung von Wasserstoffexplosionen bei Unfällen bis zu fehlenden Filtersystemen für die Entlüftung der Reaktorhülle bei Überdruck, berichtet das Blatt.

Die EU-Staaten müssen nun bis Jahresende konkrete Aktionspläne zur Umsetzung zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen vorlegen. Fest steht aber schon jetzt: So gut wie alle AKW müssen weiter in die nukleare Sicherheit investieren – je nach Reaktor zwischen 30 und 200Millionen Euro.

Am morgigen Donnerstag will die Kommission offiziell ihre Mitteilung zur Risiko- und Sicherheitsbewertung der Kraftwerke vorlegen und Empfehlungen für jede einzelne Anlage abgeben. Diese sind für die Mitgliedstaaten aber rechtlich nicht bindend, weshalb sie weitreichendere Kompetenzen bei der Überwachung der Atomkraftwerke fordert. Zudem will sie neue Gesetzesvorschläge für die Verschärfung geltender europäischer Sicherheitsstandards unterbreiten.

Atomkraftkritikern geht das noch nicht weit genug: Im EU-Parlament wurden bereits Forderungen nach der Schließung jener Kraftwerke laut, die bei den Stresstests besonders schlecht abgeschnitten haben. Dies wäre ein Schritt zu mehr Glaubwürdigkeit, betonte Österreichs grüne Europaabgeordnete Ulrike Lunacek. Der deutsche Umweltminister Peter Altmaier (CDU) will auf Konsequenzen aus den Stresstests drängen. Er werde „darauf bestehen, dass dieser Bericht nicht ad acta gelegt wird“, so Altmaier. Auch Österreich will nach den mangelhaften Testergebnissen nicht einfach „zur Tagesordnung übergehen“, wie Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) nach dem Ministerrat betonte.

 

Folgen von Erdbeben untersucht

Bei den europaweiten Stresstests werden seit Juni 2011 AKW auf ihre Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überflutungen überprüft. Materialabnutzung wichtiger Teile und interne Ereignisse wie menschliches Versagen oder Brände wurden ebensowenig untersucht wie die Gefahr bei Kriminalität oder terroristischen Angriffen. Auch die Konsequenzen von Flugzeugabstürzen waren nicht Teil der Tests der EU-Experten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

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