Die schwimmende Müllhalde

Plastikmüll, der sich in den Ozeanen sammelt und dort zu Partikeln zerfällt, wird zu einem immer größeren Umweltproblem.

Plastikmüll im Ozean
Plastikmüll im Ozean
Plastikmüll im Ozean – Vberger/Wikipedia

Wien. Sogar in der blauen Einöde des nordwestlichen Pazifiks, mehr als 1500 Kilometer von der Küste Kaliforniens entfernt, sind die Spuren der Zivilisation nicht zu übersehen: Ein riesiger Teppich aus Plastikmüll treibt dort im Meer. Die schwimmende Müllhalde besteht aus Colaflaschen, Bierkisten, Säcken und anderen Objekten aus Kunststoff, die entweder an oder knapp unter der Meeresoberfläche schwimmen. Doch den Großteil der Verschmutzung machen kleine Teilchen aus, „Plastikkonfetti“, die den Ozean dort wie das Innere einer riesigen Schneekugel aussehen lassen.

„Es ist nicht so, dass man an Deck eines Schiffes steht und bis zum Horizont nichts als schwimmenden Plastikmüll sieht“, sagt Robert Knox von der University of California, der den großen Müllstrudel wissenschaftlich erforscht. „Man sollte sich die schwimmende Müllhalde nicht als zusammenhängende Insel vorstellen, auf der man gar gehen könnte. Vielmehr handelt es sich um viele kleine Plastikteilchen, die man erst sehen kann, wenn man Proben entnimmt.“ Knox und Kollegen vom Ozeanografischen Scripps-Institut haben mittlerweile mehrere Expeditionen in das als „Great Pacific Garbage Patch“ bezeichnete Gebiet unternommen, um mehr über dessen Zusammensetzung und Auswirkung auf das maritime Leben zu erfahren.

Aufmerksam wurde man auf das Müllproblem im Ozean vor knapp 20 Jahren: 1997 entdeckte der Kapitän Charles Moore während eines Segeltörns, dass in einer entlegenen Region im Nordpazifik jede Menge Plastikabfall schwamm. Der Kalifornier gründete eine Forschungsorganisation und fuhr weitere Male zurück. Seither haben einige wissenschaftliche Expeditionen versucht, in erster Linie Daten und Zahlen über das Umweltproblem zu sammeln.

 

Vögel verhungern mit vollen Mägen

Das betroffene Gebiet im Nordpazifik dürfte so groß wie Frankreich sein, tausende Tonnen Plastik werden dort wie in einer Waschmaschine herumbewegt. In einer riesigen Strudelbewegung dreht sich der Abfall im Uhrzeigersinn. Die Strömung und UV-Licht sorgen dafür, dass Kunststoffe in kleine Partikel zerlegt werden. Bis zu 200.000 Plastikstücke je Quadratkilometer wirbeln im Nordpazifik herum, und nach und nach tauchen sie in der Nahrungskette auf. Vögel und Meeressäugetiere schlucken etwa Flaschenverschlüsse und gehen daran zugrunde. Ihre Mägen oder Verdauungstrakte sind verstopft, sie verhungern quasi. Laut einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) sind mehr als 250 Tierarten dadurch gefährdet.

Die Plastikmikropartikel werden aber auch von Fischen gefressen – und landen so auch im menschlichen Verdauungstrakt. Neun Prozent der Fische in der Region des Nordpazifikwirbels haben laut einer Untersuchung des Scripps-Instituts Plastik in ihren Mägen. Außerdem geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass jene Meeresorganismen, die sich dem Plastikvorkommen anpassen, andere verdrängen und die Biodiversität weiter drastisch schrumpfen lassen.

 

Strömungen als Förderbänder

An Müllnachschub für den Nordpazifikwirbel mangelt es nicht: Strömungen und Winde arbeiten wie ein Förderband und transportieren stetig neuen Abfall aus aller Welt in den Pazifik. „Nur“ 20 Prozent des Abfalls stammen von Schiffen, 80 Prozent werden an Land produziert und enden im Meer. Immerhin lebt mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung in Küstengebieten. Viele Städte verfügen über keine oder nur unzureichende Abfall- und Abwasserentsorgung. In diesem Zusammenhang werden immer wieder Megastädte wie Dhaka in Bangladesch erwähnt: Die 15-Millionen-Einwohner-Stadt, die zu den am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt zählt, platzt aus allen Nähten. Die Abfallwirtschaft – so vorhanden – kann mit diesem rasanten Wachstum nicht mithalten. Außerdem liegt die Hauptstadt des südostasiatischen Landes nur vier Meter über dem Meeresspiegel. Bei regelmäßigen Überflutungen wird jede Menge Abfall ins Meer gewaschen.

Auch Naturkatastrophen wie der große Tsunami, der 2011 von einem verheerenden Erdbeben ausgelöst wurde und in Japan ganze Küstenstreifen zerstörte, sorgen dafür, dass große Mengen Müll ins Wasser gelangen. Die japanische Regierung schätzt, dass zwischen zehn und 25 Millionen Tonnen Trümmer – also zerstörte Häuser, Küchengeräte, kleinere Schiffe, Autos – in den Ozean gespült wurden. Eine Harley Davidson etwa tauchte ein Jahr später an der Küste Kanadas auf, und ein japanisches Fischerboot wurde von der US-Küstenwache versenkt. Allerdings gehen Experten davon aus, dass nur ein bis fünf Prozent je an Land gespült werden. Der Rest bleibt im Ozean und treibt im Müllstrudel.

 

Was tun gegen die maritime Misere?

Was kann man gegen die Ausbreitung der maritimen Müllhalden unternehmen? Experten, die beklagen, dass sich keine Nation für die Misere im Niemandsland zuständig fühlt, sind sich einig: Den Müll mit Netzen einfangen bringt nichts, so würde man auch Lebewesen aus den Meeren fischen. Einziger Ausweg: die Vermeidung von Müll, weltweit.

DiePresse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

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