Frankreichs Atommüll in Sibirien "entsorgt"

Uran und Plutonium aus AKW heimlich in Sibirien entsorgt. Die angeblich fast völlige Wiederverwertung „abgebrannten“ Urans aus den 58 französischen AKW ist ein Mythos.

(c) EPA (Tomas Hudcovic)

PARIS. Frankreich wird von einem Skandal erschüttert, der an einem Nationalmythos kratzt: Die angeblich fast völlige Wiederverwertung „abgebrannten“ Urans aus den 58 französischen AKW ist ein Mythos. Ein großer Teil der strahlenden Abfälle kommt nämlich, wie eine TV-Doku enthüllt, nach Sibirien – und wird dort teils im Freien gelagert.

Seit den 90ern seien jährlich über 100 Tonnen Uran aus verbrauchten Brennstäben per Schiff nach St. Petersburg, dann per Zug in einen Nuklearkomplex in der für Fremde praktisch gesperrten Stadt Sewersk (früher „Tomsk-7“), einer Satellitensiedlung von Tomsk in Zentralsibirien, verfrachtet worden. Dort sei das Material endgelagert worden – laut der Zeitung „Liberation“ völlig unsachgemäß.

Die bisher unbekannte franko-russische Kooperation hat eine am Dienstag ausgestrahlte Doku auf „Arte“ namens „Alptraum Atommüll“ enthüllt. Die Geheimnistuerei gibt zu denken: Selbst als sie 1995 bis 1997 Umweltministerin war, habe sie davon nie gehört, sagt die damalige Ressortchefin Corinne Lepage. Die jetzige Staatssekretärin für Umwelt, Chantal Jouanno, will eine Untersuchung: „Wir dürfen nicht den Hauch eines Verdachts bestehen lassen, dass es ein Problem gibt.“

 

„Das ist internationaler Usus“

Die Energiekonzerne EDF und Areva (Frankreich bezieht 80 Prozent seines Stroms aus AKW) sind in der Defensive: EDF bestätigt die Transporte, betont aber, dass es Uran und Plutonium sei, das in Sewersk aufbereitet und erneut in AKW benutzt werde. Beide Stoffe seien kaum noch radioaktiv und würden anständig gelagert; zudem seien solche Transporte internationaler Usus. Areva, Hersteller von Reaktoren und Brennstäben, sah sich zu einer Stellungnahme genötigt, die die Effektivität seiner Atomtechnik relativiert: Nur dank der Kooperation mit den Russen könne man 96 Prozent der Reststoffe in AKW wiederverwenden.

Zwar betreibt Areva in La Hague (Normandie) eine Wiederaufbereitungsanlage, die aus alten AKW-Stäben Uran und Plutonium für neue Stäbe gewinnt. Doch das funktioniert laut „Liberation“-Journalistin Laure Noualhat, die acht Monate lang für den Arte-Film recherchiert hat, nur bei Plutonium gut; das Abfalluran müsse intensiver als sonst behandelt werden, was eine Technik erfordere, die Frankreich nicht habe.

 

Frankreich technisch hinten

In Sewersk sei das möglich; freilich könnten hier nur zehn Prozent des Urans neu angereichert werden. Der Rest bliebe bei der Partnerfirma „Tenex“ in Sewersk, die diesen angeblich auf einem Parkplatz lagert. Das hatten Satellitenfotos vermuten lassen, später bestätigten lokale Behördenvertreter vor der Kamera, dass es sich um Container aus Frankreich handle.

Die EDF fühlt sich von jeder Verantwortung für die in Sewersk verbleibenden Mengen befreit, zudem es in Frankreich kein richtiges Endlager gibt. Rechtlich sei Tenex für die Entsorgung zuständig. Areva will aber nun prüfen, ob das Abfalluran nicht besser in Frankreich verwahrt werden solle.

Die isolierte Stadt Sewersk, die 1949 gegründet und deren Existenz erst 1989 bekannt gegeben wurde, war und ist eines der wichtigsten Zentren Russlands für Kernforschung, den Bau von Reaktoren und Atomwaffen. Heute leben dort gut 100.000 Menschen. Nach einem Vertrag mit den USA wird auch Material aus Atomwaffen der UdSSR zu Brennstäben für US-Atomkraftwerke verarbeitet.

 

Transporte aus Deutschland?

Am Dienstag behauptete die deutsche Anti-Atomorganisation „ausgestrahlt“, auch aus Deutschland seien mehr als 20.000 Tonnen Atommüll nach Sibirien verfrachtet worden. 90 Prozent davon lagerten dort noch immer. Vom deutschen Umweltministerium gab es Mittwoch keine Stellungnahme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2009)

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