UN-Klimachef wirft das Handtuch

Der Abgang von Yvo de Boer ist ein Rückschlag für die Klimaverhandlungen. Allgemein wurde erwartet, dass sein Vertrag verlängert werde - sein Rücktritt kam einigermaßen überraschen.

(c) APA (Oliver Berg)

BONN/WIEN. In der Welt von Klimaforschung und Klimapolitik geht es derzeit rund: In den letzten Wochen wurde die Kritik am Weltklimarat IPCC immer lauter – wie berichtet werden in den aktuellen Berichten Fehler über Fehler gefunden. Am Donnerstag hat die Unruhe nun endgültig auch die Weltpolitik erfasst: Yvo de Boer erklärte seinen Rücktritt als Generalsekretär der UN-Klimaorganisation UNFCCC. Dort sind 194 Staaten Mitglieder, die Organisation ist auch Trägerin des Kyoto-Protokolls, in dem sich 37 Industrieländer zur Reduktion ihres CO2-Ausstoßes verpflichtet haben.

„Es war eine schwierige Entscheidung für mich, aber ich glaube, dass die Zeit reif für mich ist, eine neue Herausforderung zu suchen“, sagte er gestern. Er wechselt per 1. Juli in die Privatwirtschaft, und zwar zum Beratungsunternehmen KPMG. Er wolle sich dafür einsetzen, neue Partnerschaften mit der Wirtschaft für den Klimaschutz zu suchen. „Nun habe ich die Chance, dabei mitzuhelfen, dass das geschieht.“

Der Rücktritt de Boers kam einigermaßen überraschend. Allgemein war erwartet worden, dass sein Vertrag als UN-Klimachef im September verlängert werde. De Boer ist seit dem Jahr 2006 an der Spitze der UNFCCC. Allerdings war auch immer wieder Kritik an ihm zu hören: Der 55-jährige Spitzendiplomat ist mitverantwortlich für das Scheitern des UN-Klimagipfels von Kopenhagen im Dezember 2009. Beim Abschluss der Konferenz schloss er einen Rücktritt dezidiert aus. „Wenn ich mich für das Ergebnis verantwortlich fühlen würde, dann wäre ich schon gegangen“, sagte er. Nun betonte er demonstrativ, dass sein Rücktritt in keinem Zusammenhang mit dem Ausgang des Gipfels stehe, er habe sich schon vor dem Kopenhagener Treffen nach einer neuen Tätigkeit umgesehen, ließ er verlauten.

Seine Rolle beim Klimagipfel war zwiespältig. Die Hauptverantwortung für das Scheitern liegt bei den Staaten, allen voran bei China, Indien und den USA, die keine Verpflichtungen zur CO2-Reduktion eingehen wollten. Allerdings war auch die Vorbereitung und der Ablauf des Gipfels – federführend waren die UNO und der dänische Vorsitz – mangelhaft. Und in der entscheidenden Phase hatte de Boer nicht mehr viel mitzureden: UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nahm ihm das Heft aus der Hand.

Für den globalen Klimaschutz ist der Abgang von de Boer ein Rückschlag: In Kopenhagen wurde vereinbart, dass der unverbindliche „Copenhagen Accord“ bis zum nächsten Klimagipfel im November im mexikanischen Cancún zu einem völkerrechtlich bindenden Vertrag ausgebaut werden solle. Ein Wechsel an der Spitze zur Halbzeit dieses Prozesses ist dabei nicht gerade förderlich.

 

CO2-Handel hängt in der Luft

Wie berichtet haben 55 Staaten Ende Jänner ihre CO2-Pläne bekannt gegeben, auf dieser Basis soll im Juni in Bonn weiterverhandelt werden. Vor allem die Wirtschaft drängt auf Beschlüsse, da das Kyoto-Protokoll im Jahr 2012 ausläuft – und damit auch der Milliardenmarkt mit CO2-Emissionszertifikaten in der Luft hängt.

Über einen Nachfolger de Boers will UN-General Ban Ki-moon persönlich entscheiden, wann das sein wird, blieb am Donnerstag aber offen. 

AUF EINEN BLICK

Yvo de Boer hat vier Jahre
lang die Verhandlungen über ein globales Klimaabkommen geleitet. Knapp zwei Monate nach dem gescheiterten UN-Klimagipfel in Kopenhagen erklärte er nun
seinen Rücktritt. Er wechselt zum Beratungsunternehmen KPMG.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2010)

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