Wetter: Wo bleiben die Hurrikans?

Obwohl das Klimaphänomen La Niña, das Pakistan ertrinken lässt, auch die tropischen Wirbelstürme fördern sollte, sind sie bisher überraschend milde geblieben. Dabei müssten die ersten längst da gewesen sein.

Ap

In Pakistan geht die Welt unter, in Russland verbrennt sie, nur dort, wo für gewöhnlich in dieser Jahreszeit die Natur tobt, ist sie überraschend ruhig, im Golf von Mexiko (dort ist der Mensch als Katastrophenmacher eingesprungen, aber das ist eine andere Sache). Wo sind eigentlich die Hurrikans, sie sollten Hochsaison haben? „There are no tropical cyclones at this time“, meldet die zuständige US-Behörde NOAA.

Dabei müssten die ersten längst da gewesen sein. Die Hurrikansaison geht vom 1.Juni bis 30. November, und diesen Mai klangen die Fanfaren der US-Presse noch schriller als sonst: Ende August kommt der fünfte Jahrestag von Katrina, dem Sturm, der New Orleans verwüstete. „Die Hurrikansaison 2010 könnte ein Monster werden“, warnte „Time“ am 26.Mai, als Zeuge diente Greg Holland vom National Center for Atmospheric Research in Boulder: „Alles in allem sind die Rahmenbedingungen ganz ähnlich wie 2005, mit einem wichtigen Unterschied: Sie sind jetzt ein wenig schlimmer.“

 

Sturmbedingungen sind da

Auf Zahlen wollte er sich nicht festlegen, in einem Durchschnittsjahr sind es sechs, 2009 waren es drei. Die offizielle NOAA-Prognose sah acht bis 14 Hurrikans in den Golf von Mexiko kommen, später wurde sie leicht herunterkorrigiert, aber man erwartet eine „aktive Saison“ (www.noaa.gov). Die Bedingungen sind auch danach: Dort, wo die Hurrikans entstehen, über dem Atlantik vor Afrika, sind die Meerestemperaturen weit höher als im langjährigen Durchschnitt – um vier Grad –, das bringt mehr Wasser und Energie in die Atmosphäre.

Und diese Energie hat freie Bahn, weil El Niño gerade von La Niña abgelöst wurde. Beide sind Teil eines natürlichen Klimaphänomens – „Southern Oscillation“ –, bei dem die Oberflächentemperaturen des westlichen Pazifik sich periodisch ändern und das Wetter auf der ganzen Erde beeinflussen, etwa die Wind- bzw. Niederschlagsmuster in Asien: Die Sintfluten, die über Pakistan hereinbrechen – bis zu 280 Liter pro Quadratmeter und Tag, so viel wie in Deutschland im ganzen Sommer –, kommen laut Deutschem Wetterdienst (www.dwd.de) von La Niña, das in der Region den Monsun verstärkt bzw. viel weiter nach Nordwesten vordringen lässt. (Am Desaster in Russland trägt eher der Mensch Schuld, der Moore entwässerte, um den Torf als Brennstoff in Kraftwerken zu nutzen. Als man auf Öl, Gas und Atom umstieg, ließ man die früheren Moore weiter austrocknen und Zunder werden).

El Niño und La Niña wirken auch auf die Atmosphäre über dem Atlantik: El Niño bringt dort Winde, die die Kraft von Hurrikans schwächen, deshalb kamen in den letzten Jahren wenige. Nun ist El Niño weg, La Niña regiert und stellt den Hurrikans nichts in den Weg. Aber bisher kam erst einer, Alex im Juni. Nachfolger Bonnie im Juli brachte es bei Weitem nicht auf Hurrikanstärke, „Colin“ Anfang August auch nicht. Die Liste der für die Saison 2010 reservierten Namen ist allerdings noch lang – es folgen „Danielle“, „Earl“, „Fiona“ –, und irgendwann wird sich die vereinte Kraft von warmem Atlantik und La Niña Bahn brechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2010)

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