Lebensräume verlagern sich nach oben

Experten warnen vor einem sorglosen Umgang mit der Artenvielfalt. Allein durch den Klimawandel nimmt die Artenvielfalt nachweislich ab.

Lebensraeume verlagern sich nach
Lebensraeume verlagern sich nach
(c) EPA (KARL-JOSEF HILDENBRAND)

Vor einem sorglosem Umgang mit der Artenvielfalt und auch der Artenvielfaltsforschung hat eine Gruppe namhafter österreichischer Biologen anlässlich der Tagung "land der vielfalt - zukunftsreich?" am Donnerstag im Naturhistorischen Museum Wien gewarnt. "Wir sind alle in Biodiversität eingebettet", erklärte dazu Ulrike Aspöck, Insektenspezialistin am NHM.

"Die Gesellschaft hängt von Leistungen der Lebensräume und deren Artenvielfalt ab, das wird immer wieder vergessen", sagte Franz Essl vom Umweltbundesamt (UBA). So speichern intakte Wälder große Mengen an Kohlenstoff und wirken der Erderwärmung entgegen. Ein weiteres Beispiel ist die Wasserreinigungskraft von Flüssen und Seen.

Alleine durch den Klimawandel nimmt die Artenvielfalt nachweislich ab, ist Essl überzeugt. Ein besonders krasses Beispiel dafür sind hochalpine Lebensräume. Durch die Erwärmung und das Ansteigen der Waldgrenze schrumpfen die Areale, letztendlich könnten 80 bis 90 Prozent der Organismen aussterben.

Dabei sind das keine Horrorszenarien für die Zukunft. Unter der Leitung von Georg Grabherr von der Universität Wien untersuchen Biologen seit Jahren die Veränderungen von hochalpinen Pflanzengesellschaften und werden dabei auch fündig. Nach groben Schätzungen verlagern sich die Lebensräume derzeit in zehn Jahren um einen bis fünf Höhenmeter nach oben. Etwa für den Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis), der nur jenseits der Waldgrenze bis in extremen Höhen vorkommt, könnte es schon bald eng werden. "Ausweichen kann er dann nur noch in den Himmel", so Grabherr - sprich: er stirbt aus.

Dabei gilt Österreich, was die Artenvielfalt angeht, als relativ reich. Das liegt an den unterschiedlichen Landschaften, von alpinen Bereichen bis zu Steppen im Ostösterreich. Botaniker zählen in Österreich rund 3000 Blütenpflanzen. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es nur 2400.

Während die Flora relativ gut erforscht ist, stehen Mikrobenforscher laut Michael Wagner (Uni Wien) noch am Anfang. Rund 9000 Bakterienarten sind beschrieben, laut Schätzungen gibt es aber Millionen Spezies. Die wahren Dimensionen der mikrobiellen Vielfalt wurden erst durch die Möglichkeiten der modernen Genetik erkannt, zuvor konnten etwa nur jene Bakterien studiert werden, die sich auf Nährboden züchten lassen. Und das ist, wie sich zeigte, eine eher verschwindende Minderheit.

Auch bei Tieren und Pflanzen hat die genetische Systematik enorme Bewegung in die Wissenschaft gebracht. Mittlerweile beklagen die Biologen aber einen Mangel an althergebrachten Fachexperten: Viele Jahre wurden praktisch nur Genetiker an Unis und Museen angestellt, die klassischen Artenkenner sind vom Aussterben bedroht. In einer Resolution fordern namhafte Wissenschafter zum Gegensteuern auf.

(APA)

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