Cancún: "Gipfel ist dennoch wichtig, auch für uns"

Die Klimakonferenz, die am Dienstag in Mexiko beginnt, ist nicht nur für die Welt und ihr Klima sehr wichtig. Die 700.000-Einwohner-Stadt Cancún nutzt auch die Gelegenheit, für sich als Touristenziel zu werben.

(c) AP (Israel Leal)

Ernst ist das Thema, gering sind die Erwartungen: Wenn diese und nächste Woche in Mexikos Karibik-Badeort Cancún rund 22.000 Menschen (darunter 9000 Minister, Beamte und Journalisten aus etwa 200 Staaten) zum UN-Gipfel anreisen, bei dem über den Klimawandel diskutiert wird, geht die Weltöffentlichkeit kaum von Revolutionen aus.

Schließlich gab es schon 15 Klimakonferenzen. Dabei geschah im Grunde wenig – auch wenn sich 1997 im Rahmen des Kyoto-Protokolls die Industrieländer verpflichteten, ihren jährlichen Treibhausgas-Ausstoß bis 2012 im Durchschnitt um 5,2Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken (siehe „Auf einen Blick“). Am globalen Wachstumstrend bei Treibhausgasen wie Kohlendioxyd und Methan änderte das aber wenig.

„Dennoch“, sagt Katinka Lira Vado, im Rathaus der 700.000-Einwohner-Stadt zuständig für Tourismus, „ist der Gipfel wichtig. Für die Welt, für Mexiko und Cancún“. Die Stadt, Hoteliers und Wirte erwarten Mehreinnahmen im zweistelligen Euromillionenbereich.

 

Gipfel im Sonderangebot

Allein Mexikos Regierung gibt für den Gipfel umgerechnet 51Millionen Euro aus; im Vergleich zum (weitgehend erfolglosen) Klimagipfel 2009 in Kopenhagen ist der in Cancún einer zum Sonderangebot: Dänemark zahlte damals rund 162Millionen Euro. Das Hotel Great Parnassus ist eine der Luxusabsteigen am Boulevard Kukulcán mit Blick aufs Meer, die jetzt vor allem von Delegierten bevölkert sind. „Durch den Gipfel haben wir die Chance, unsere Bekanntheit als Touristenziel zu erhöhen“, sagt Lira Vado. Cancún kämpfe schon lange gegen den unberechtigten Ruf, es sei eine laute Partylocation wie Mallorca oder Phuket.

„Von drei Millionen Gästen jährlich kommen weniger als ein Prozent wegen des Spring Break Festivals“ sagt Erika Mitzunaga Magaña, eine Kollegin von Lira Vado. Spring Break ist eine Invasion zehntausender College- und Uni-Studenten vor allem aus den USA, die im Frühling in Cancún Vollgas geben. Die Mehrheit der Besucher komme aber wegen des Maya-Kulturerbes (etwa der berühmten Pyramiden von Chichén Itzá), der Natur und der weiten Strände.

 

Umweltschützer im Luxus

Also ist die Konferenz auch für den Tourismus wichtig. Mehrere NGOs kritisieren genau das: Cancún, eine ab 1969 angelegte Stadt, sei dadurch entstanden, dass Bäume gefällt und Land geteert wurde, ohne Rücksicht auf die Umwelt. Klimatisch nachhaltig sei das nicht gewesen. Die Gipfel-Organisatoren entgegnen, dass ja auch die Ökofans meist in jenen Luxushotels absteigen. Zudem, so Lira Vado, arbeiteten heute alle Hotels energiesparend und umweltschonend.

Unterdessen muss sich Cancún nicht nur mit Demonstranten gegen den Gipfel herumschlagen: Cancún wurde von Mexikos Präsident Felipe Calderón als Austragungsort gewählt, weil es viele Hotels gibt und sich wegen der isolierten Lage leicht sichern lässt. Aber auch diese Region auf der Halbinsel Yucatán wird vom Drogenkrieg, der vor allem im Norden Mexikos tobt, nicht ganz verschont und gilt als Plattform für Drogenhandel.

Daher wird die Stadt von mehr als 6000Polizisten und Soldaten mit schweren Waffen und Panzerwagen bewacht – vor allem die „zona hotelera“ am Strand, die auch mit Helikoptern und Booten rund um die Uhr gesichert wird.

Gegenwind gebe es bei Gipfeln immer, sagt Lira Vado. Also wolle man gute Stimmung machen. Etwa durch abendliche Gratiskonzerte im Stadtzentrum für alle. „Cantando por el Planeta“ heißen sie: „Singend für den Planeten“. Und ein bisschen für Cancún.

 

Kein Spaßausflug

Vermutlich sehen wenige Besucher des Klimagipfels die Reise als Spaßausflug. Das Treffen dürfte wieder nur ein Zwischenschritt zu einem umfassenden Weltklima-Abkommen sein, das frühestens 2011 in Durban oder beim großen Umweltgipfel „Rio+20“ anno 2012 in Brasilien zu erwarten wäre.

Die EU will in Cancún andere Länder zu verbindlichen Zielen zur Treibhausgasreduktion animieren (S. 8). Das dürften aber gerade die USA, nach China zweitgrößter Emittent, nicht tun, seit bei den Kongresswahlen die Republikaner, denen Klimaschutz ein Dorn im Auge ist, siegten und nun die aktive Klimapolitik von Präsident Barack Obama kaum noch Bewegungsfreiheit hat. Auch China dürfte sich zieren. Dafür bahnen sich Erfolge an beim Schutz von Wäldern, dem dem Transfer von Technologie in ärmere Länder und einem Hilfsfonds, damit diese sich den Folgen des Klimawandel anpassen können.

 

„Nicht auf Abkommen warten“

Mexikos Präsident sagte vor dem Gipfelauftakt am Montag, man dürfe die ökonomischen Möglichkeiten, die der Kampf gegen den Klimawandel biete, nicht übersehen. Der frühere Chef des UN-Umweltprogramms, der Deutsche Klaus Töpfer, mahnte, den Kampf gegen die Erderwärmung auch unabhängig von völkerrechtlichen Abkommen voranzutreiben.

Auf einen Blick

Globale Klimapolitik begann 1992 beim Umweltgipfel in Rio, die UN-Klimakonvention wurde seither von 192Staaten ratifiziert. Sie enthält keine bindenden Ziele. Rund 40Industriestaaten haben sich 1997 im Kyoto-Protokoll zu einer Absenkung des CO2-Ausstoßes verpflichtet (nicht ratifiziert wurde es von den USA). Dieses Abkommen läuft 2012 aus.

In Kopenhagen wollte die UNO 2009 einen Nachfolger des Kyoto-Vertrags erarbeiten, der alle Staaten der Welt umfasst. Das ist an unüberbrückbaren Differenzen zwischen armen und reichen Staaten gescheitert; beschlossen wurde nur der dürre „Copenhagen Accord“, der kein rechtsverbindlicher völkerrechtlicher Vertrag ist.

In Cancún sollen nun Fortschritte in einzelnen Teilbereichen erzielt werden: Weit gediehen sind die Gespräche zum Stopp der Abholzung von Tropenwäldern. Einigen will man sich auch auf Hilfe für Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel – als „Soforthilfe“ wurden in Kopenhagen 30Milliarden Euro bis 2012 versprochen.
Alles andere ist sehr kontrovers: Viele Staaten, allen voran China, wollen sich auf keine verbindlichen CO2-Ziele und auf keine transparente Kontrolle der nationalen Klimaschutzmaßnahmen einlassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2010)

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