Das „Ähm“ der Kollegin als Moment der Kontemplation

Der Beginn einer jeglichen Konversation besteht zunächst darin, die Aufmerksamkeit eines Menschen auf sich zu lenken.

aehm Kollegin Moment Kontemplation
aehm Kollegin Moment Kontemplation
aehm Kollegin Moment Kontemplation – (c) www.BilderBox.com (BilderBox.com)

Der Beginn einer jeglichen Konversation besteht zunächst darin, die Aufmerksamkeit eines Menschen auf sich zu lenken. Das kann auf nonverbaler Ebene geschehen, etwa durch das Suchen von Augenkontakt, den amikalen Griff auf die Schulter oder auch durch akustische Reize. Gerade wenn ein gewünschter Gesprächspartner konzentriert in den Bildschirm versunken ist, empfiehlt sich die stimmliche Variante, etwa durch ein Hüsteln oder eine wie auch immer geartete Grußformel à la „Hallo“ oder „Entschuldigung“. Vor allem im beruflichen Alltag bürgern sich dabei gewisse Muster ein – und bestimmten Kollegen kann man schon mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Initiationslaute zuordnen. Vom tirolerisch kernigen „Griaß di“ über das schon von der anderen Seite des Büros entgegenklingende „Herr . . ., Herr . . ., Herr Kocina“ bis zum klassischen „Ähm“.

Spannend wird es vor allem dann, wenn der Laut zum Selbstzweck wird – die Kollegin etwa mit tänzelnder Leichtigkeit vor meinen Schreibtisch hopst, ihr obligates „Äähm“ extrem in die Länge zieht. Und mit den Worten „Jetzt hab ich's vergessen“ wieder kehrtmacht.
Diese Routine hat im Büroalltag aber auch durchaus ihre wunderbaren Seiten. Wann immer der Name der Kollegin auf der telefonischen Rufnummernerkennung auftaucht, freut man sich auf fünf Sekunden der stillen Kontemplation. In der Gewissheit des „Äähm“ hebt man ab, legt die Hand auf den Tisch und versinkt für einige Momente in meditativer Ruhe, ehe man den Hörer ans Ohr führt. Einziges Problem: Die Kollegin weiß das mittlerweile – und wartet ihrerseits, bis sie meiner Stimme gewahr wird. Erst dann setzt sie ihr „Ähm“ ein. Was in jüngster Zeit dazu geführt hat, dass diese Phase der Entspannung immer länger wird, während beide Seiten darauf warten, wer zuerst einen Mucks von sich gibt. Zuletzt habe ich die Kollegin am anderen Ende der Leitung schnarchen gehört.


E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2013)

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