Der Kapitalismus, 7 Haare und ich

Oft kommt die intellektuelle Niederkunft in Momenten, wo man sie am allerwenigsten erwartet.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Dann etwa, wenn man an einem strahlend schönen Nachmittag die Siebensterngasse entlang geht und plötzlich die Frage auftaucht: Warum können die Gäste der Schnösel-Bar Shultz schon ihren Cocktail im Schanigarten schlürfen, während die Besucher des Siebenstern – das offizielle Lokal der Kommunistischen Partei – bei einem Murauer ihre revolutionären Ideen noch im Inneren wälzen müssen. „Ganz einfach“, beginnt da die trockene Erklärung, „im Shultz herrscht Marktwirtschaft.“ Also, sobald der Bedarf da ist, wird versucht, ihn durch Angebot zu befriedigen. Im Siebenstern hingegen dürfte noch die Planwirtschaft regieren – vermutlich gibt es einen Fünfjahresplan, wann die Schanigärten ihren Betrieb aufnehmen dürfen.

Mit obigem Beispiel lässt sich Kapitalismus recht gut erklären. Ähnlich anschaulich können Kinder das Prinzip vielleicht noch beim Tausch von Panini-Bildern erfahren. Angebot und Nachfrage regeln den Wert – zumindest im Paniniversum kann dann sogar ein Thomas Prager (in Wirklichkeit gar nicht fürs Team nominiert) einen höheren Tauschwert haben als der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Toll, diese Marktwirtschaft, oder?

Aber auch andere abstrakte Dinge lassen sich mit nur wenigen Sätzen zufriedenstellend erklären – nehmen wir etwa den Begriff „relativ“ – und das, ohne sich in der Abhängigkeit bestimmter Eigenschaften von Bezugssystemen zu verlieren. Versuchen Sie es einmal damit: Sieben Haare auf dem Kopf sind relativ wenig. Sieben Haare in der Suppe sind relativ viel. Klingt plausibel, oder? Aber verlangen Sie jetzt bitte nicht, dass sich auf diese Weise auch die Relativitätstheorie erklären lässt.


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2008)

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