Die Ökonomie der Bonbonniere

Weihnachten ist die Zeit, in der Geld als Zwischentauschmittel ein wenig in den Hintergrund treten darf.

Bonbonniere
Bonbonniere
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An die Stelle von kaltem Metall oder bedrucktem Papier treten andere Einheiten, die zwischen Menschen zirkulieren und deren Wert weniger in der Befriedigung von Bedürfnissen als in der freizügigen Weitergabe besteht. Ein besonders beliebtes Objekt dieser alternativen Ökonomie sind Süßwaren, vorzugsweise mit Alkohol und Früchten gefüllt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Stationen etwa eine Packung Pralinen durchläuft, ehe tatsächlich ein Abnehmer, vulgo Beschenkter, das Cellophan vom Karton löst und den Tauschwert des Objekts für ein paar schnelle Kalorien kurzerhand auf Null reduziert. Vorsicht sollte bei dieser Ökonomie des Schenkens allerdings in jedem Fall walten, denn im Gegensatz zu Geld können Merci, Mon Chéri & Co. hinterlistigerweise mit identifizierenden Elementen versehen sein. Firmenlogos oder Aufschriften wie „Viele Bussi, deine Oma“ auf der Rückseite sollten also entfernt werden, ehe die Pralinen in den weiteren Kreislauf weihnachtlichen Tauschhandels eintauchen.

Das Worst-Case-Szenario wiederum tritt dann ein, wenn sich der Kreis weihnachtlicher Spendierfreude schließt – und ein Beschenkter in der edlen Gabe ein Geschenk erkennt, das er einst selbst in Umlauf gebracht hat. Besonders anfällig dafür sind Weinflaschen vom Winzer des Vertrauens, die einst als Gastgeschenk zum Einsatz kamen und die der Gastgeber beim Gegenbesuch plötzlich wieder in Händen hält. Besonders Findige versehen die Flaschen im Weinkeller daher mit einer Notiz über den Überbringer – und verschenken den Wein an jemand anderen weiter. Im besten Fall klebt das PostIt dann nicht mehr dran...


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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