Die intellektuelle Niederkunft

Wer hätte gedacht, dass es gerade hier passieren würde?

Hurriya Bar
Hurriya Bar
(c) Kocina

Gerade in der Hurriya-Bar in Kairo, in der Dutzende Ägypter (nur Männer natürlich) bei einem Stella-Bier sitzen, die Luft vom Rauch unzähliger Filterzigaretten zu Indoorsmog entreinigt, da ging mir der Knopf auf. Es war gerade ein paar Tage her, seit der Arabischkurs begonnen hatte, beim Anblick der Schriftzeichen rauchte mein Kopf ähnlich stark wie die blauen L&M meines Tischnachbarn. Da fiel mein Blick auf eine Getränkekarte an der Wand. Und siehe da, die Zeichen formierten sich vor mir: Kef – Alev – Kef – Alev – Wouw (Letzteres wird tatsächlich wie ein Ausruf der Bewunderung ausgesprochen) – ich hatte gerade ohne Hilfe mein erstes Wort in Arabisch gelesen. Und dann noch so ein schönes: Kakao!

Nun muss man wissen, dass die Gäste der grindig-liebenswerten Hurriya-Bar nie im Leben ihr Stella gegen einen Kakao tauschen würden, doch allein die Tatsache, dass er hier auf einer Karte steht, erfüllt mein Herz mit Freude. Ein kleiner Gruß aus der Heimat, vom täglichen Tiroler Trinkkakao bei meinem Lieblingsbäcker.

Nie würde ich auf die Idee kommen, wie viele Exilösterreicher nach Wiener Hochquellwasser oder Schwarzbrot zu lechzen. Aber Kakao, auch wenn es ihn ohnehin fast überall zu kaufen gibt, der weckt dann doch ein bisschen Heimatgefühle. Umso schöner, wenn dieses Göttergetränk die intellektuelle Niederkunft meiner rudimentären Arabischkenntnisse markiert – und sei es in einem charmant-schäbigen Bierlokal. Im Grunde hätte diese sprachliche Initialzündung nicht besser sein können. Es sei denn, natürlich... also gut, sobald ich herausgefunden habe, wie man Almdudler auf Arabisch schreibt, melde ich mich wieder.


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2009)

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