Alles Gute!

Fahrradfahren im Winter ist auch deswegen so strapaziös, weil sich allein die Vorbereitung ewiglich dahinzieht: Schloss, Haube, Helm, Handschuhe, Schal richten, portable Lichter anbringen, das geht schlecht mit Handschuhen, Handschuhe ausziehen, Lichter anbringen, Handschuhe anziehen usw. usf.

Wie ich mich unlängst neben dem Fahrradweg durch diese Prozedur quäle, sehe ich aus dem Augenwinkel einen Mann direkt auf mich zukommen. Er wirkt energisch, als würde er mich von Kind auf kennen, so kommt er rüber. Er trägt einen angegrauten Bart, einen langen Ledermantel, eine gefütterte Haube mit Ohrenschutz, er sieht aus wie jemand, den Dostojewski für den KGB erfunden hat. Ich schaue auf: Nein, ich kenne diese mutmaßlich russische Romanfigur nicht. Direkt vor mir kommt er zum Stehen, er streckt seinen Arm aus, reflexartig mache ich dasselbe. Er drückt mir etwas in die Hand. „Alles Gute“, raunzt er mies gelaunt und rennt genau so schnell weg, wie er gekommen ist. Ich schaue ihm erst nach, dann auf meine Handfläche. Es ist eine Mozartkugel. Was ist passiert? Ich weiß es nicht.

Es ist so ein Moment, wo man sich im Nachhinein denkt, schade, dass man das Leben nicht zurückspulen kann, weil ich hätte gerne meinen eigenen Gesichtsausdruck gesehen.

Über diese Romanfigur muss ich noch länger nachdenken. War das jetzt besinnlich gemeint? Oder ist meine Liebe zu Mozartkugeln schon stadtbekannt? Ich finde aber Gefallen an dem Ansatz, Menschen anlasslos „Alles Gute!“ zu wünschen. Der Verkäuferin in der Bäckerei, die mir den Cappuccino macht, sage ich das genauso wie dem Nachbarn, der mit die Lifttür aufhält. Ich sage es dem Papa am Telefon, der verwirrt mit der Frage antwortet „Für Weihnachten?“, und ich sage es meinem Gemüsehändler, der sich ehrlich freut. Ich frage mich, ob ich es dem sichtlich illuminierten Hipster sagen soll, der vor mir am Bankomaten Geld abhebt, oder zu abheben versucht (die Finger wollen nicht ganz mitmachen), aber unseren Lesern will ich es jedenfalls sagen: Alles Gute, für Sie und Ihre Familie.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2018)

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