Im Rückblick scheint die Sonne nicht überall gleich

Bei der Sprache trügt einen manchmal das Gefühl, und das mit voller Logik.

Wer von der „alten Rechtschreibung“ spricht, gehört zu jener Gruppe von Freaks, die manchmal noch in Schilling rechnen, vor allem, wenn es um einen unangemessenen Preis geht, etwa den eines Magnums im Freibad (fünfzig Schilling). Aber auch jemand, der schon in die neue Rechtschreibung hineingeboren wurde, hat manchmal Zweifel am eigenen Sprachgefühl. So standen wir unlängst unentschlossen vor der Frage, ob sich der französische Präsident an die Bevölkerung „wendete“ oder „wandte“, und die Antwort – es geht beides – war nicht zufriedenstellend.

Verwandte können indessen keine Verwendeten werden und ob die Sonne gescheint oder geschienen hat, hängt nicht zuletzt vom Wohnort ab, auch beim Winken bestimmt der Ort die Endung. Die Sprachlogik beruht nicht zuletzt auf den Ausnahmen von ihren Regeln, daran verzweifeln auch Englischschüler, die nach „sang“ und „rang“ auf „brang“ setzen, und dann heißt es mit „brought“ doch wieder ganz anders. Irgendwann spürt man, was richtig ist, aber es hat wenig Sinn, nach dem Warum zu fragen.

Das bewährt sich auch für die Mathematik, bei der Fragen nach dem Warum ausufern können, nach dem Wozu sowieso. Es gibt keinen Grund, war schon die beste Antwort auf die ewig aktuelle Frage, warum das Huhn die Straße überquerte. Diese Einstellung bewährt sich in vielen Situationen, die sich nicht zum Hinterfragen eignen, wenn man sich nicht noch Stunden später im Kreis drehen will

Eine unerwartete Antwort gab es unlängst auf die Anmerkung zu hören, dass die vorgedruckten Kästchen auf einem Formular für die E-Mail-Adresse nicht ausreichten, wegen des langen Vornamens und des Doppelnamens. „Selber schuld“, sagte der zuständige Herr, und das macht einen dann doch ziemlich sprachlos.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2018)

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