Das triste Ende eines belgischen Hofnarren

Am Sonntag bin ich über einen Nachruf gestolpert, der nicht bloß ein zu Ende gegangenes Leben resümierte, sondern auf gewisse Weise auch ein Land und eine Zeit zusammenfasste.

(c) REUTERS (Mike Finn-Kelcey)

Am Sonntag bin ich über einen Nachruf gestolpert, der nicht bloß ein zu Ende gegangenes Leben resümierte, sondern auf gewisse Weise auch ein Land und eine Zeit zusammenfasste. Es geht um Jean-Pierre Van Rossem, einen belgischen – aber hier zeigt sich schon das erste Problem, diesen Mann zu beschreiben, denn was genau war er? In den 80er-Jahren betrieb er eine Anlagegesellschaft namens Moneytron, über die er der sogenannten besseren Gesellschaft des Landes umgerechnet 400 Millionen Dollar an Vermögen abluchste. Das meiste davon verpuffte beziehungsweise finanzierte seinen flamboyanten Lebensstil, der einen Rolls-Royce als Dienstwagen, eine Ferrari-Sammlung sowie einen Privatjet umfasste; man sieht, es handelte sich um eine klassischen Schneeballbetrug, weshalb Van Rossem auch mehrfach ins Gefängnis musste. Anfang der 90er-Jahre entzog er sich kurzfristig dem Zugriff der belgischen Justiz durch die Gründung der libertären Partei R.O.S.S.E.M., was übersetzt „Radikale Reformer und soziale Kämpfer für eine ehrlichere Gesellschaft“ heißt. 200.000 Belgier wählten das, Van Rossem zog ins Parlament, womit der eigentlichen Zweck der Kandidatur erfüllt war, nämlich parlamentarische Immunität. „Es war nicht sehr edelmütig. Wir gingen in die Cafés von Antwerpen und fischten uns jeweils den größten Sandler als Kandidaten heraus“, sagte er später.

Motorsportfans ist Van Rossem eventuell als Sponsor des Teams Moneytron bekannt, welchem nur ein kurzes Leben beschert war. Mehr Glück hatte der finnische Formel-Eins-Star Keke Rosberg, der von Van Rossem umgerechnet 150.000 Dollar für den Antritt beim 24-Stunden-Rennen von Spa erhielt. Breitbeinig wie ein Cowboy sei er dahergestapft, wunderte sich ein gemeinsamer Bekannter. Der Grund: Van Rossem hatte ihm die Gage in kleinen Geldscheinen in den Rennoverall eingenäht. Schwerkrank und verarmt ist Van Rossem nun gestorben: ein Hofnarr, der seinem Land so manchen Spiegel vor Augen gehalten hat.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2018)

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