Bitte den Türbereich freihalten

Zu viele Menschen haben vor Weihnachten dasselbe Ziel und zu wenig Zeit.

Vor Weihnachten rücken die Menschen näher zusammen. Im Bus zum Beispiel, der nicht weiterfährt, weil die Türen nicht zugehen, zu viele Leute. Der Busfahrer, entnervt, bittet, den Türbereich freizuhalten. Niemand bewegt sich. Sollen doch die anderen, denkt sich jeder. Nach mehreren Durchsagen steigt brummelnd einer aus und ärgert sich, weil er hat es auch eilig. Alle haben es eilig, deshalb geht bald gar nichts mehr weiter. Die chinesische Weisheit, wonach man langsamer gehen soll, wenn man es eilig hat, ist auch hier endlich angekommen.

Rund um die Weihnachtszeit lernt man aber auch mehr Menschen als sonst kennen. Es wird wieder nach dem Weg gefragt. Zwar haben die meisten Wien-Besucher Smartphones, aber weil es so kalt ist, leert sich der Akku rascher. Also werden auf die gute alte Art Passanten angeredet. Die erste Reaktion darauf ist oft abwehrend. Man schämt sich ein bisschen wegen des Gedankens, dass jeder, der um etwas bittet, unlautere Motive hat. Umso freundlicher versucht man, den Weg zu erklären und Mariahilfer Straße auf Französisch auszusprechen. Die Besucher sollen doch einen guten Eindruck von Wien gewinnen. Sie dürfen nicht mit dem Bus fahren.

Auch die Nachbarn sieht man öfter denn je, weil man ihre Packerln hat oder sie die eigenen, das ist eine Art Engerl-und-Bengerl-Spiel und von großer gegenseitiger Dankbarkeit erfüllt. Es erspart einem vor allem, weitere sehr individuelle Geschäfte in Seitenstraßen kennenzulernen, in deren Hinterzimmern sich die Pakete türmen. Dass etwas rechtzeitig zugestellt wurde, heißt noch lange nicht, dass es auch rechtzeitig abgeholt werden kann. Das könnte auch eine chinesische Weisheit sein.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2018)

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