Von Hummern und anderen toten Tieren

Ein französisches Festessen schmeckt nicht nur gut, es schärft auch den Blick für das, was man isst.

Für Zimperliche ist so ein französisches Festessen ja nichts. Nicht am Tisch – da reißt man (jedenfalls in der Bretagne) Langustinen auseinander, fitzelt Fleisch aus Krebsscheren und saugt Meeresgetier den Kopf aus. Und auch bei der Zubereitung sollte man nicht allzu zart besaitet sein, bei all den Langustinen und Schnecken, Krabben und Hummern, die die Schwiegermutter da lebendig ins kochende Wasser wirft. Puh!

Dazu kommen die Austern, die überhaupt gleich lebend hinuntergeschlürft werden. (Und die sich immerhin manchmal für ihren Tod rächen: Rund 2000 Menschen verletzen sich in Frankreich jedes Jahr beim Austernöffnen, die meisten um die Feiertage.) Und die Stopfleber. Oh, die Stopfleber! Hierzulande aus gutem Grund verboten, zuckt in Frankreich kaum einer mit der Wimper, wenn es um seine Foie gras geht, im Gegenteil. Wobei, wer die Stopfleber zum Apéritif nicht verweigert hat, der soll nicht mit Steinen werfen . . .

Nur selten wird einem die Konsequenz des eigenen Konsums jedenfalls so bewusst, als wenn man ein Tier in der eigenen Küche umbringt (und es nicht in irgendeinem Industriekochtopf stirbt oder in einem Schlachthof weit weg). Insofern kann man bei dem großen französischen Fressen zumindest nicht heuchlerisch sein: Wer Hummer essen will, der muss aushalten, dass dafür ein Hummer stirbt. Das macht am nächsten Tag auch das Schicksal des Lamms hinter dem Braten wieder realer.

Und es schärft einmal mehr den Blick dafür, was man denn normalerweise, zwischen diesem und dem nächsten Weihnachtsfest, so isst. Ob und wann und wie oft man es aushält, dass ein Tier stirbt, um auf dem Teller zu landen. Und ob es zumindest bis dahin ein möglichst gutes Leben hatte. (Für alle, die jetzt überlegen, ob sie mir Heuchelei vorwerfen sollen, Stichwort Foie gras: Das war ein Ausrutscher . . .)

E-Mails an: bernadette.bayrhammer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2018)

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