Und dann hat der Drucker keine Tinte mehr

Bleib bei der Wahrheit“, sagt man zu den Kindern, wenn es etwa um eine Erklärung geht, warum das fällige Werkstück für immer verschwunden ist oder warum die Oma am 26. Dezember vor staunenden Anrainern im Altpapiercontainer herumgeklettert ist.

Die ehrlichen Antworten sind dann teilweise so absurd, dass sie erst recht wie Ausreden klingen. In der Schule ist es daher oft besser, nicht ausufernd darzustellen, durch welche unglückliche Verkettung von Zufällen die Erledigung der Hausübung verunmöglicht wurde.

Insofern glaubt man Schriftsteller Thomas Glavinic jedes Wort, wenn er, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unlängst in einem sehr lustigen Text verriet, die notorisch verspätete Abgabe seiner Kolumnen in dramatischen E-Mails etwa so erklärt: „Ich bin heute Nacht offenbar ins Koma gefallen.“

Von Koma war zwar noch nie die Rede, allerdings neigt auch hier der sich häufig außer Haus befindliche Chefredakteur dazu, die Überlieferung seiner Texte spannend zu gestalten. Da entreißt ihm eine Sturmwelle das Handy, bleiben Züge im Tunnel stecken („kein WLAN“) oder werden Laptops im Flugzeug vergessen. Mails werden gesendet, kommen aber nie an („im Ausgang stecken geblieben, bin weg“), oder sie sind lückenhaft („komisch, bei mir war alles vollständig“). Andere Kollegen können auch von zu starkem Rütteln im Bus, Hackerangriffen und Geiselnahmen berichten, die eine pünktliche Abgabe ihrer Texte verhinderten.

Der Schrecken des Scheiterns vor der Zeit wird gemildert, wenn man ihn teilen kann. Daher wird in atemlosen Telefonaten mitgeteilt, es gehe sich alles nicht aus. Irgendwie klappt es dann doch meistens. Das lernt man übrigens auch schon in der Schule. Da findet sich in der Terminliste für Maturanten nach dem „spätesten Abgabetermin für die VWA“ auch ein „allerspätester Abgabetermin“. In der Nacht davor wird ein Erdbeben den Computer zum Absturz bringen. Aber egal, die Tinte des Druckers war ohnehin aus.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2019)

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