Ohne Mittelalter keine Jugend

Während der Feiertage habe ich mich endlich über ein Buch gewagt, das seit gut einem Jahrzehnt ungelesen sämtliche Übersiedlungen mitgemacht hat.

(c) REUTERS (David Moir)

Während der Feiertage habe ich mich endlich über ein Buch gewagt, das seit gut einem Jahrzehnt ungelesen sämtliche Übersiedlungen mitgemacht hat. „Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderweges“ ist die meisterhafte, wenn auch ihrem Leser enorme Konzentration abfordernde Analyse der Umstände, die vor einem Jahrtausend dazu geführt haben, dass sich Europa ganz klar von allen anderen Kulturräumen (auch den angrenzenden) unterscheidet. Unter den vielen erstaunlichen Entwicklungen aus der Zeit des Karolingerreiches, die der mittlerweile emeritierte Professor für Sozialgeschichte an der Universität Wien, Michael Mitterauer, hier zusammenfasst, hat mich eine besonders stark zum Nachdenken gebracht. Die Zusammenspiel von Christentum und dem damals entstandenen Wirtschaftsmodell der Hufenverfassung schuf nämlich das, was wir heute als „Jugend“ für gleichsam naturgegeben hinnehmen. Das lag in erster Linie daran, dass das Christentum (verglichen mit dem Islam und fernöstlichen Religionen) weder die hohe Anzahl von Kindern gebot noch Knaben gegenüber Mädchen bevorzugte. Auch wurden Söhne nicht zum Gedenken an ihre Ahnen gezwungen. Dieses Muster hatte „eine extrem lange Dauer der Jugend zur Folge“, schreibt Mitterauer. „Viele Jugendliche verlassen in dieser Phase das Elternhaus, vor allem um als Gesinde Dienst in fremdem Haus zu leisten.“ Gewiss war das kein Zuckerschlecken. Doch Mitterauer erinnert daran, dass die frühe Ablösung vom Elternhaus, verbunden mit einer speziellen Ausbildung dazu führte, „dass Jugend in Europa zu einer entscheidenden Phase der Individualisierung wird“ – einschließlich der späten Heirat, weil „die Suche nach einem Partner ein wichtiges Element der Jugendkultur“ in Europa wurde. Letztere wurde auch durch das Prinzip der Konsensehe im Christentum begünstigt. Daran, finde ich, sollten wir denken, wenn wir über „mittelalterliche Verhältnisse“ schimpfen, wo wir Willkür und Unfreiheit orten.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2019)

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